Zu viel Hitze

45 Grad. Zu viel Hitze.

Livia wischte sich den Schweiß von der Stirn. Oder aber den Schweiß von den Armen auf die Stirn. Sie wusste nicht, wo sie war und reagierte sofort panisch. Herzklopfen so laut wie Donnerschläge und rasend schnell wie Blitze. Ihr Körper war wie gelähmt.

„Es ist alles gut. Es passiert nichts. Du bist nicht in Nevada, du befindest dich nicht auf einem Roadtrip durch die Wüste, ohne Wasser im Kanister. Du bist auch nicht unter der Erde, um einen Atombunker zu erreichen.“ Livia sagte das nicht laut, sondern versuchte ihr aufgewühltes Inneres zu besänftigen. Langsam wagte sie es, den Kopf zu drehen, um die Umgebung zu erkunden.

„Aber du bist irgendwo zwanzig Meter in der Tiefe. Unter dir Morast, ringsherum steile glitschige Felswände, die vor wenigen Tagen wohl noch unter Wasser waren. Wie bin ich hierhergekommen? Hilfe!! Hilfe!!! Ich will hier wieder raus“, brüllte Livia in die Waldesstille. „Oh, Livia will wieder raus. Livia hat wieder Panik, weil sie sich so wichtig nimmt“, hörte Livia, wie ihr Lebensgefährte Milo sie nachäffen würde. Das tat er bei jeder Gelegenheit und wenn es keine gab, dann erfand er eine. Wenn sich Livia darüber aufregte, gab es immer zwei Reaktionen. Entweder er sagte es sei nur Spaß und sie solle sich nicht so haben oder er bestrafte sie mit Nichtbeachtung, weil sie alles so eng betrachte. Livia kam sich dann immer richtig mies und kleinlich vor und versuchte die Wogen wieder zu glätten. Jedes Mal hatte sie sich dann geärgert, denn es war nicht sie gewesen, die sich falsch verhalten hatte. Er war nur darauf aus, sie zu erniedrigen und zu verhöhnen.

Ein Ast knackte. In ihrer Panik drückte sich Livia  noch näher an die steile Felswand. Sie versuchte, ihre Finger in das dicke Steingemäuer zu krallen, um ein wenig Halt zu finden. Eine Schräge befand sich in der steilen Felswand, heißt es waren schon einige Leute hier heruntergerutscht. Livia sah sich um. „Und sie mussten auch wieder herausgekommen sein, denn weder Menschen, noch deren Skelette liegen herum“, fügte Livia in Gedanken hinzu, um sich Mut zu machen.

Was wollte sie hier? Livia überlegte angestrengt, doch ihre Erinnerungslücke war so tief wie die Felswand steil und genauso dunkel. Von dem typischen Ruf eines Raubvogels wurde die Stille unterbrochen. Inzwischen fröstelte Livia und schaute nach oben. Ein Milan kreiste hoch oben in der Luft, wo die Felswände endeten und die Sonnenstrahlen in die kühle Tiefe drangen. Der Milan, ein Raubvogel, stand symbolisch dafür, Probleme von oben zu betrachten und Abstand zu gewinnen.   

Wenn sie sich die Beziehung zu Milo aus Distanz betrachtete, war es eigentlich keine Beziehung. Er war auf seinen Vorteil aus und benutzte sie. Milo konnte sehr freundlich und liebevoll sein, bis er erreicht hatte, was er wollte. Dazu benutzte er auch die richtigen Worte, auf die in der Regel jeder anspringen würde. Aus Rücksicht zu dir… Um dir zu helfen… Aber es waren durchaus auch viele Lügen dabei. „Erinnerst du, wir hatten vereinbart, dass….“ Oder sie hätte irgendwas in falscher Erinnerung. Brauchte er sie nicht, um ein Ziel zu erreichen, ignorierte er sie, bestrafte sie oder erfand einen Streitgrund, um die Tür zuschlagen und eigene Wege gehen zu können. Um in dieser Zeit tun zu können, was er wollte.  Umgekehrt herrschte Kontrolle. Denn Milo war sehr eifersüchtig. Abmachungen galten nur für sie, denn er konnte alles brechen. Wollte sie sich länger ausnutzen lassen? Brauchte sie ihn wirklich mehr als er Livia?

Sie seufzte tief, sich immer noch am Felsen festhaltend. Nur nicht nach unten und auch nicht nach oben schauen. Doch der Blick auf die feuchte Steinwand war sehr einengend und beängstigend.

45 Grad, fiel Livia ein. Wo hatte sie die Temperatur gelesen? Sicher nicht hier. Es war im Auto, erinnerte sich Livia. Die Temperaturanzeige. Sie war auf dem Heimweg, als sie einen Wolf sah, der in diesem Waldstück verschwand. Sie war ausgestiegen, hatte ihre Kamera um den Hals gelegt und war ihm gefolgt.

„Wie bescheuert war ich eigentlich? Einem Wolf folgen? Nur um ein tolles Foto zu haben? Um auch mal einen Preis zu gewinnen?“ Livia schüttelte angesichts ihrer Naivität den Kopf. Sie war wohl ausgerutscht und hier gelandet? Oder hatte der Wolf ihre Spur aufgenommen, sie war geflüchtet und ist dann abgerutscht? Die Erinnerungen kamen nur langsam wieder. Livia sah an sich hinunter. Verletzungen hatte sie nicht, auch keine Schrammen. Doch wo war ihre Kamera? Heftig atmend versuchte Livia den Kopf zu drehen, die Finger immer noch krampfhaft gekrümmt, um sich an der feuchten Felswand anhalten zu können.

Ein Wolf jedenfalls war die lange Zeit an der Wand jedenfalls nicht zu sehen. Wenn sie es nicht besser wüsste, hätte Livia behauptet, sie wäre einfach betrunken gewesen. Oder hatte zu viel Hitze konsumiert. Hitze machte den Kopf kaputt.

Livia konnte nicht mehr. Ohne Vorwarnung fing sie zu weinen an. Es war ihr inzwischen alles egal. Egal, ob sie in den Morast fiel, egal, ob sie hier verdurstete oder von einem wilden Tier eingekreist zu werden. Egal, ob Milo nach ihr suchte, was er natürlich nicht würde. Egal, ob sie am Leben blieb oder nicht. „Es ist doch egal“, rief Livia in den Lichtblick hinauf, als der Kopf des Wolfs am oberen Felsenrand erschien.

„Also doch ein Wolf“, murmelte Livia. Teils erleichtert, weil sie nicht verrückt war, teils erschrocken, weil sie hier eine leichte Beute für ihn wäre. Sie versuchte sich so ruhig wie möglich zu verhalten, versuchte sich tot zu stellen. In dem Moment baumelte ein dickes Seil vor ihren Augen.

„Halten Sie sich fest. Ich werde Sie herausziehen“, meinte eine angenehm dunkle Stimme. Überrascht schaute Livia nach oben, in ein freundliches bärtiges Gesicht. Der Wolf stand neben dem Mann und blickte ebenso freundlich zu Livia.

„Keine Sorge, das ist kein Wolf, sondern ein tschechoslowakischer Wolfshund. Aber besonderem Lichteinfall oder aus Entfernung rein äußerlich durchaus mit einem Wolf zu verwechseln“, erklärte der bärtige Mann, der sich als Werner vorstellte.

Livia nickte. „Das ist  auch der Grund, warum ich hier unten bin. Ich wollte den Wolf“, sagte Livia lachend, „fotografieren. Was dann allerdings passierte, weiß ich nicht“, endete Livia den Satz und hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen.

Doch die erwartete Ironie blieb aus. Sie wurde weder ausgelacht, noch verspottet.

Inzwischen hatte Werner Livia hochgezogen.

„Alles in Ordnung? Sie haben sicher Durst und vielleicht auch Hunger. Ich habe nur wenige Meter von hier entfernt ein kleines Gasthaus, da können Sie essen und sich frisch machen. Das Auto holen wir später gemeinsam“, schlug Werner vor.

Livia stand dicht bei ihm. Irgendwas war von ihm ausgegangen. Sie sah es in seinem Blick und spürte es. Ein Funke, dachte Livia und lächelte.

Werner schaute fragend.

„45 Grad“, sagte Livia.

„Die richtige Temperatur für einen Sommer“, antwortete Werner.

Genug Temperatur für längere Zeit, dachte Livia und nickte.

Foto und Text: Frankengedanken / Petra Malbrich

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