„Es gibt keinen Weg zum Glück. Glücklichsein ist der Weg.“ Zum x-ten Mal las Jutta den Spruch, der den Juni ihres Kalenders zierte, während sie die elektronischen Kundenkarten erneuerte. Jedes Mal, wenn sie den Spruch las, ärgerte sie sich darüber.
Glücklichsein ist der Weg? Als ob man auf Knopfdruck glücklich sein konnte. Worüber überhaupt? Dass ihr Chef mal wieder schlecht gelaunt war? Wobei es kaum einen Unterschied gab, ob er gut oder schlecht gelaunt war. Egal wie er gelaunt war, immer musste er einen Mitarbeiter regelrecht brechen. Das geschah durch ironische Bemerkungen, durch Seitenhiebe, die weit unter die Gürtellinie zielten, durch Missachtung oder durch lautstarke Bemerkungen, wie grottenschlecht er einen fand.
Glücklichsein ist der Weg? War das nicht doch die falsche Reihenfolge, fragte sich Jutta. War es nicht besser, die Lebensumstände zu ändern, mit dem Ziel, dann glücklicher zu sein? Freilich wusste Jutta, dass jeder Spruch etwas Weises ausdrücken sollte. Im Falle ihres Junispruchs, dass es auf die innere Haltung ankomme, auf das Zufriedensein, auf das im Hier und Jetzt leben und wie das sonst noch definiert wurde. Wenn sie sich nun beim Anlegen der Kundenkarte immer vor sich hin sagte „Ich bin glücklich“, dann würde sie das auch sein? „Man kann sich viel einreden“, würde ihre Oma sagen, wenn sie noch leben würde. Nein, so funktionierte das nicht.
Ob Glücklichsein der Weg oder das Ziel war, ob es einen Weg dorthin gab oder nicht, ein Spruch würde da nichts ändern. Ebenso wenig die vielen anderen Motivationssprüche, die so modern waren und in allen Facetten verkauft wurden. Als Poster, als Blechschildkarten oder als Kühlschrankmagnete. Irgendwie ähnelten sich die Botschaften ohnehin. Besonders beliebt schien das „Carpe diem – lebe den Tag“ zu sein, im Gesamttext lautend so zu leben, als wäre es der letzte Tag. Ja, wenn auf der Spruchkarte noch zwei Teddybären in Rückenansicht bei Sonnenuntergang am Strand saßen, sah das richtig niedlich oder zumindest nostalgisch aus und hatte durchaus Charme. Aber die Botschaft? Jutta lächelte. Wenn sie jeden Tag leben würde als sei es ihr letzter Tag – dann würde sie jetzt keine Kundenkarten anlegen, nach Feierabend nicht zum Supermarkt hetzen und sich dann an den Herd stellen, um ein halbwegs nahrhaftes und genießbares Abendessen für sich und ihre kranke Mutter zu bereiten. Dann würde sie sich ins Auto setzen, ans Meer fahren und auch ohne Teddybär den Sonnenuntergang am Strand genießen. Und das jeden Tag? Nein, überlegte Jutta. Das wäre dann wieder Gewohnheit und würde langweilig werden. Also müsste sie jeden Tag aufs Neue einen Genuss finden. Mal in den Freizeitpark gehen, alle Dinge tun, die sie wegen der Arbeit, der Notwendigkeit des Geldverdienens, vor allem aber wegen der Verpflichtungen finanziell und emotional, nicht unternehmen konnte.
Ähnlich der Spruch „Du lebst nur einmal, mach was du willst.“ Diese Sprüche waren nur schöne, aber inhaltsleere Bilder. Wobei das so auch nicht stimmte. Es waren Sprüche, die zum Egoismus anregten. Tu, was dir gefällt. Ob es andere verletzt oder nicht. Ob andere etwas anderes von dir erwarten oder nicht. Sei wie Pippi Langstrumpf. Mach dir die Welt, wie sie dir gefällt. Lebe im Überfluss. Sei schamlos. Sei faul. Andere sind es auch und bekommen Geld dafür. Und was es alles für Ausreden gab. Das funktioniert nicht und in großen Teilen stimmt es auch nicht. Diese Sprüche, diese Aufforderungen zum egoistischen Verhalten zwischen den Zeilen, brachte genau die Gesellschaft hervor, die niemand will, die jeder beklagt, weil keiner mehr Rücksicht, Mitgefühl und Mitverantwortung kannte.
Weil keiner mehr ein Pflichtgefühl hatte, weil die Solidarität nicht mehr funktionierte und weil niemandem gesagt wurde, dass die Freiheit des einen dort endete, wo die des anderen begann, überlegte Jutta. Diese „Motivationssprüche“ sorgten auch dafür, dass man sich gehetzt und heruntergezogen fühlte. Verschwendet man sein Leben mit den falschen Dingen? Mit Arbeit statt Genuss? Sollte man nicht besser zwei Mal in den Urlaub fahren? Musste man nicht jeden Film gesehen haben?
Waren diese Sprüche nicht genau das falsche Signal? Was ist motivierend, wenn man sich gehetzt fühlt und immer mehr will? Vor allem aber fehlte die Dankbarkeit.
Jutta dachte wieder an ihre Großmutter. Diese Generation musste viel mehr schuften, hatte weniger Luxus und war doch glücklicher. Sie mussten andere Menschen nicht schlecht reden, um sich besser darzustellen. Sie haben sich mit bösen Menschen nicht abgegeben und sich auf diese nicht eingelassen. Sie haben ihre Sorgen am Abend ins Gebet verfrachtet und den Morgen mit Zuversicht begonnen. Ein Blick auf die Uhr verriet Jutta, dass sie sich zu sehr von dem Spruch hat treiben lassen. In die falsche Richtung. Nicht in Zufriedenheit, sondern ins Gegenteil. Sie nahm den Kalender beiseite. Morgen würde sie sich einen anderen Kalender aufstellen. Einen mit ebenso schönen Bildern, aber mit anderen Sprüchen. War es nicht besser, wenn auf dem Juniblatt folgender Spruch stand: „Sorge dich nicht um deine Zukunft. Überlasse sie Gott. Er wird es richtig machen.“

Foto und Text Copyright: Frankengedanken / Petra Malbrich
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