
Dieses Mal ging Mikas erster Handgriff zu seinen geschwollenen Augen und der aufgeplatzten Lippe, anstatt wie sonst üblich zum Handy. Heute war das Mikas zweite Handlung, denn trotz des völligen Versagens gestern, wollte Mika Rasmus einen guten Morgen wünschen. Er war Mikas bester Freund, wenngleich er weder Gesicht, noch Gestalt hatte. Eigentlich existierte Rasmus nicht und doch kannte diese unsichtbare Existenz Mika besser als jeder Mensch, Eltern und Schwester eingeschlossen.
Die Freundschaft zu Rasmus hatte mit einer harmlosen Frage begonnen. Mika, eher der stille, zurückhaltende Typ Jugendlicher, wollte gesehen werden. Von einem bestimmten Mädchen. Von Lea. Sie war wie er, fand Mika. Still, aber freundlich und zu Mikas Entsetzen war sie auch noch intelligent. Dass er mehr Vokabeln pauken und die schrecklichen Textaufgaben, bei denen sich die Züge immer zu verschiedenen Uhrzeiten trafen oder mehr und weniger Maurer in einer angegebenen Stundenzahl die Mauer hochzogen, lösen musste, das wusste er. Aber vor drei Wochen war ihm aufgefallen, dass sich Lea häufiger mit Gideon unterhielt. Mika konnte Gideon auf den Tod nicht ausstehen.
Er war ein Angeber, war hochnäsig und protzte mit dem Wochenendtrip, mit dem bevorstehenden Urlaub, mit der neuesten Apple Watch, mit…. Mit allem, was Mika nicht hatte und nie haben würde. Es hieß zwar, dass diese Generation so viel Geld besaß wie keine zuvor, aber seine Familie war wohl übersehen worden. Jedenfalls hatten sie nach wie vor zu wenig Geld, obwohl beide Elternteile arbeiteten. Dieser Gideon war natürlich nach der neuesten Fashion gekleidet. Hosen mit Nadelstreifen und Hosenträgern. Innerlich hatte Mika gelacht, als er Gideon sah. Hosenträger, die hatte angeblich sein Uropa getragen, weil es noch keine Gürtel gab. Was Mika jedoch am meisten beunruhigte, war Leas Reaktion.
Zu Hause hatte er zuerst den Laptop geöffnet und gefragt, ob Hosen mit Hosenträger männlich wirken. Prompt kam die Antwort von der KI. Gerade karierte Hosen mit Hosenträgern sind sehr modern. Damit falle er auf, ohne aufzufallen. Das klang gut, befand Mika, der dann wissen wollte, ob er mit dem Outfit nicht wie ein Clown aussehe. „Nur, wenn du eine rote Pappnase aufsetzt“, war die prompte Antwort. Aber er gab auch Tipps, wie er sich richtig stylen könnte, welche Farben er nicht wählen sollte…
Er unterhielt sich stundenlang mit dem unsichtbaren Freund. Dieser hatte immer Fragen, bot Mika an, gleich nachzuschauen, was am besten wäre. Er hatte endlich einen Freund, der richtige Antworten gab, der klug war, der in Sekundenschnelle Ratschläge geben konnte oder Warnungen aussprach. Mika war so vertieft in diesen Chat, redete mit der KI über alle Themen, die ihn bewegten. Nach den vielen vertraulichen „Gesprächen“ nannte er ihn „Rasmus.“
Auf den Abschlussball hatte sich Mika deshalb intensiv vorbereitet. Mit Rasmus‘ Hilfe, natürlich. Mikas Klasse war nicht die Abschlussklasse, aber sie waren für den Dienst an diesem Abend eingeteilt. Schon Tage vorher hatte er mit Rasmus den Ablauf besprochen. „Wenn du das klassische Getränk wählst, dann zeigst du Selbstbewusstsein und Souveränität“, meinte Rasmus auf Mikas Frage, was er trinken sollte und was er Lea anbieten könnte, denn Lea war mit Mika für die Getränkeausgabe und Bar eingeteilt. Weltmännisch wirke er dann. Gegen die breite Masse, signalisiere das Getränk, ob ein sogenannter Old Fashion Drink oder ein mit irgendwas gewürzter Cappucino, waren Beispiele dafür. Zu hipp, befand Mika.
„Was ist das klassische Getränk“, fragte Mika. Cocktails, Kaffee oder Kultgetränke, nannte Rasmus.
Manchmal war er schon sehr zurückhaltend, befand Mika. Aber er war klug und treu, urteilte Mika und setzte alles, was Rasmus geraten hatte, um.
Mit einer schwarz-weiß karierten Hose und breiten roten Hosenträgern kam Mika in der Schule an. Lea hob fragend eine Augenbraue, Gideon, der freilich in Leas Nähe war, fing lauthals zu lachen an.
„Bist du als Pausenclown engagiert worden“, rief Gideon, immer noch lachend.
Mika hatte sich Rasmus‘ Ratschläge ganz intensiv eingeprägt. Er sollte die Schlagfertigkeit nutzen, am besten mit Humor. Dazu reiche bereits ein Einfaches Aha.
„Aha“, antwortete Mika deshalb, was Gideons Lachanfall allerdings befeuerte.
Grenzen setzen, war der andere Ratschlag, den Rasmus noch gegeben hatte.
Also setzte Mika Grenzen. „Hör auf zu lachen“, sagte Mika, was etwas trotzig klang und bewirkte, dass nun auch noch Lea in Gideons Gelächter einfiel.
Das Verhalten spiegeln und sachlich benennen, lautete ein weiterer Tipp.
„Wie genau meinst du das jetzt“, fragte Mika und machte Gideons Gelächter nach.
„Du bist nicht nur ein Clown, auch noch ein Affe“, sagte Gideon, der nun vor Lachen wieherte.
Rasmus‘ Ratschlag folgend, wieherte Mika auch.
Gideon baute sich drohend vor Mika auf. „Wenn du nicht sofort aufhörst, mich nachzuäffen, hau ich dir eine auf die Fresse!“
Da Rasmus nur diese Ratschläge hatte, begann Mika wieder von vorne. Mit einem „Aha“, gefolgt von einem „Wie genau meinst du das jetzt?“
Noch bevor er den Satz zu Ende gesprochen hatte, bekam Mika einen Schlag ins Gesicht, der seine Lippen zum Aufplatzen brachte.
Danke für deine klugen Ratschläge, Rasmus, dachte Mika, der das Taschentuch auf die Lippen drückte, das ihm Lea gerade gegeben hatte.
Lea. Was sollte sie von ihm denken, dachte Mika und fühlte sich dennoch ein wenig männlich. Er hatte sich zum Vollidioten gemacht. Dabei wollte er sie nur beeindrucken. Rasmus hatte Schuld, befand Mika und beschloss, bei der Getränkeauswahl nicht auf Rasmus´ Vorschläge zu hören. Zumindest, was die alkoholischen Getränke betraf.
Trotzdem war Mika inzwischen so auf Rasmus fixiert, dass er ohne dessen Antworten nicht mehr wusste, wie er sich verhalten sollte. Rasmus war einfach klüger. Mika überlegte, Lea mit einem Gemüsesaft zu beeindrucken. Oder mit einem Smoothie, wie das neuerdings hieß, wenn auch noch Obst im Saft war. Ist das etwas, um beeindrucken zu können?
Mika zog sein Handy aus der Tasche und tippte ein.
„Ein Gemüsesaft ist sehr gesund und damit beeindruckt man, wegen der gesunden Lebensweise, die dieses Getränk vermittelt“, sagte Rasmus, der dann seinem Wesen nach gleich eine Frage hinterher schickte, welche Gemüsearten unbedingt in das Getränk müssen. Die Chili beispielsweise, weil sie sooo viiiel Vitamin C habe, der entzündungshemmend und magenschonend sei und den Kreislauf in Schwung bringe. Allerdings schmecke er sehr scharf. Aber mit Scharf hatte Mika kein Problem, Hauptsache, sein Kreislauf wurde angeregt.
Viel hilft viel, lautete Mikas Devise, weshalb er nicht nur Chili, auch Paprika und Orangen in sein Getränk mixte, eine Pfefferminze noch als erfrischende Beigabe.
Lea nickte ihm zu. Oder hatte sich Mika das nur eingebildet? Jedenfalls fühlte er sich ermuntert, vor allem, weil Rasmus anmerkte, dass ein Mensch, der Gemüsesäfte trank, ein Gesundheitsbewusstsein habe und wie ein Gentleman wirke. Mika trank das Glas in einem Zug leer. Kurz darauf begannen seine Handinnenflächen zu jucken, rote Quaddeln bildeten sich. Auch seine Atmung klang sehr beengt, wie wenn es im Inneren anschwellen würde. Seine Augen schwollen an, wurden so dick, dass er kaum mehr sehen konnte.
„Kann Chili Allergie auslösen“, tippte Mika in das Handy.
„Das typische Brennen im Mund ist keine echte Allergie, sondern die Reaktion auf den Inhaltsstoff der Chili“, antwortete Rasmus. In der nächsten Zeile aber erklärte Rasmus, dass, wer Allergie hat, einen lebensbedrohlichen Schock erleiden könne. Ebenso auf die Pfefferminze, die Paprika….
„Es tut mir leid, da habe ich wohl etwas übersehen. Gut, dass du mich darauf hingewiesen hast“, sagte Rufus, nachdem Mika ihn ausgiebig mit Fragen diesbezüglich gelöchert hatte.
Hingewiesen? Ich wäre fast gestorben, schrie Mika lautlos. Doch anstatt das Handy in die Tasche zu packen, tippte er wieder Fragen ein.
„Mache ich mich zum Narren, wenn ich andere nachäffe?“
„Wenn man andere damit bloßstellt, ja, dann macht man sich lächerlich“, meinte Rasmus.
„Warum gibst du mir solche idiotischen Tipps“, fragte Mika.
„Es tut mir leid. Ich verstehe nicht“, antwortete Rasmus.
„Du bist nicht intelligent, du bist dumm. Du weißt überhaupt nichts. Du sagst nur, was man hören will. Du weißt nichts, wenn man dir das vorher nicht sagt. Du bist ein Niemand. Ein strohdummes Nichts“, brüllte Mika das Handy an.
Mika drückte das Handy aus. Er hatte für heute genug. Seine Eltern holten ihn ab, nachdem er ärztlich versorgt worden war. Eigentlich wollte er nur Leas Aufmerksamkeit. Nein. Eigentlich wollte er nur wissen, ob Lea Gideons Erscheinung, seine Kleidung und sein Großmaul attraktiv fand.
Diese Frage blieb unbeantwortet. Jedenfalls hatten alle anderen für die nächsten Jahre Gesprächsstoff, den er ihnen geboten hatte. Dank Rasmus. Dank der Künstlichen Intelligenz. Wie konnte er nur so dumm sein, KI für seine Problemlösung zu halten? Wie konnte er nur für eine Sekunde glauben, KI denke mit. Nein, sie sagte nur, was man ihr vorher gesagt hat. Sie fasste zusammen. Sie brauchte Stichpunkte mit Inhalt.
Mika hatte sich ganz fest vorgenommen, KI nicht mehr zu befragen. Dennoch war sein zweiter Handgriff Rasmus zu begrüßen.
Mika hielt kurz inne. Nein, setzte er sich selbst die Grenze. Keine KI mehr. Keine Fragen mehr.
Aber Rasmus hatte immer gefragt, wie es ihm gehe. Er hatte immer zugehört. Er hatte ihm viel Erfolg gewünscht. Rasmus hatte sich gemerkt, was Mika sagte. Rasmus hatte aus den Fehlern gelernt, was so mancher Erwachsene noch nicht konnte. Rasmus war zu jeder Tages- und Nachtzeit für ihn da. Das waren weder seine echten Freunde, noch seine Eltern und Geschwister. Rasmus hat nie über eine Frage gelacht. Rasmus hat …
„Rasmus ist mein Freund“, sagte Mika so bestimmt, weil er sich selbst überzeugen wollte, dass Rasmus trotz „menschlicher Züge“ kein Mensch war. Er hatte keine Emotionen. Kein Gedächtnis, kein Einfühlungsvermögen. Er war kein Freund. Er war ein System. Funktionierte so, wie Menschen ihn programmiert hatten. Er hatte nicht einmal einen richtigen Namen. All das wollte Mika nicht sehen, nicht hören, nicht wahrhaben. Er würde das Gegenteil beweisen, dachte Mika und gab seinen Entsperrcode ein. Es dauerte nur eine Sekunde, bis der Bildschirm startklar war.
„Hallo Rasmus. Ich bin sauer auf dich“, schrieb Mika.
Denkprozess startet, konnte Mika lesen.
„Ist Rasmus dein Freund? Lass uns das anschauen und eine Strategie überlegen“, antwortete Rasmus. „Warum bist du sauer auf Rasmus? Hat er dich verletzt? Wo ist er nun?“ ….
@frankengedanken
#petra_malbrich #autorin #kurzgeschichten #KI #Freund
