Die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl vor 40 Jahren hat noch immer Auswirkungen

Nuklearkatastrophe Tschernobyl – eine Kombination aus technischen Mängeln und menschlichem Versagen. Bei dem verhängnisvollen Sicherheitstest wurden wichtige Sicherheitssysteme ausgeschaltet. Die Explosion nach der Kernschmelze entzündete das Graphit im Reaktor. Wie hoch die Zahl der Toten ist, steht nicht wirklich fest.

Könnt ihr euch noch an die Katastrophe erinnern? Wie habt ihr das erlebt?

Erst am 28. April 1986, zwei Tage nach dem radioaktiven Super Gau, wurde im Radio auf die Kernkraftwerksexplosion aufmerksam gemacht. Ich habe diese Meldung nach der Schule gehört. In Schweden sei höhere Radioaktivität gemessen worden. Aus der Sowjetunion sollen diese Strahlen kommen. Dort angefragt, sei man sehr verschlossen gewesen, so die Meldungen. Das war typisch für die kommunistischen und sozialistischen Länder, rückte man mit der Wahrheit nur scheibchenweise heraus. Was nicht mehr geleugnet werden konnte, wurde bestätigt und trotzdem weiter verharmlost.

Ich kann mich noch an die Debatte Atomenergie oder nicht, erinnern, die Jahre zuvor schon aufflammte. „Atomkraft Nein, danke!“ stand auf den Aufklebern, auf anderen die ironischere Variante „Atomkraft, nein, danke. Bei uns kommt der Strom aus der Steckdose“ als Ausdruck dafür, dass Atomkraft und somit die Atomkraftwerke benötigt und weiter ausgebaut werden müssen.

Nun also Tschernobyl. Was war passiert? Kurz und vereinfacht gesagt: In dem Kraftwerk, Reaktorblock vier, wurde ein Test durchgeführt und dabei wichtige Sicherheitssysteme ausgeschaltet, der Reaktor in sehr oder zu niedrigem Leistungsbereich betrieben und wieder hochgefahren. Durch den plötzlichen Leistungsanstieg verdampfte das Kühlwasser, die folgende Explosion sprengte den Reaktordeckel weg. Im Reaktor war als Moderator Graphit verwendet worden und es damit selbst radioaktiv. Dieser entzündete sich durch die Luft. Es kam zu Graphitbränden, die tagelang anhielten und immer weiter radioaktives Material verschleuderten.

Tschernobyl – die Kraftwerksexplosion, bei der Unmengen an radioaktivem Material ausgetreten und durch die wechselnde Wetterlage mit den Winden über Europa verteilt wurde. Zunächst über Polen, Weißrussland und Skandinavien, wo man auf die ungewöhnlich hohe Radioaktivität aufmerksam wurde. In der zweiten Wolke zog die Radioaktivität  über Tschechien und Österreich nach Deutschland. Hier waren vor allem Baden-Württemberg und wir in Bayern betroffen, mit hoher Radioaktivität, aufgrund des Regens, der die Partikel aus den Wolken wusch. Das sind vor allem das Cäsium-137 und das Iod-131, das aus der Luft in den Boden gewaschen wurde.

Übrigens: Gestern erst meldeten die Nachrichten, dass bei uns in Deutschland und vor allem im Süden, noch immer Spuren dieser radioaktiven Stoffe in Lebensmitteln messbar sind und zwar u.a. bei Wildschweinen oder Wildtieren und den Pilzen. Vor allem in Bayern, weil da sehr viel radioaktiver Regen herunter kam. Von wegen Wild ist „Bio pur“.

Wie das? Warum ist die Radioaktivität noch immer vorhanden? Cäsium-137, das 1986 freigesetzt wurde, hat eine Halbwertszeit von etwa 30 Jahren. Das bedeutet, dass nach rund 30 Jahren erst die Hälfte der ursprünglichen Menge zerfallen ist.

Warum ist das Cäsium-137 gerade in Pilzen? Das Cäsium wandert langsam in die tieferen Schichten. Jetzt ist es ungefähr in den oberen zehn bis 20 Zentimetern und somit genau dort, wo das dichte Geflecht der Pilze, genannt Myzel, am stärksten ausgeprägt ist. Die andere Sache ist, dass Pilze wachsen, indem sie die Nährstoffe vom Waldboden aufnehmen. Sie brauchen Kalium, können aber das Kalium nicht vom Cäsium unterscheiden und nehmen diesen radioaktiven Stoff irrtümlich auf. Das Cäsium bleibt auf dem Waldboden, weil es nicht an Tonminerale gebunden wird, wie es im Ackerboden der Fall wäre.

Es gibt einige Pilzarten, die das Cäsium besonders speichern. Diese Pilze sind dementsprechend noch immer höher belastet. Dazu gehören der Maronenröhrling, der Semmelstoppelpilz oder der Ockertäubling. Steinpilze oder Pfifferlinge sind weniger belastet. Aber nicht nicht belastet!

Radioaktivität und Krebs – es muss nicht erst zu einem Gau oder Super Gau wie in Tschernobyl kommen. Die Studie zu Kinderkrebs in der Umgebung von Kernkraftwerken  (KiKK-Studie) (1), veröffentlicht im Dezember 2007, zeigt, dass umso mehr Kinder an Leukämie erkranken, je näher sie an einem Atomkraftwerk (AKW) wohnen. Laut dieser Studie ist das Leukämierisiko bei Kindern unter fünf Jahren um 44 Prozent höher, wenn sie nur fünf Kilometer von einem AKW entfernt leben.

Diese Studie gab es 1986 noch nicht. Aber das Radioaktivität nicht harmlos ist, dass wurde schon in verschiedenen Kinofilmen über das Zünden einer Atombombe deutlich. „The Day after“ kommt da in den Sinn. Nun also eine ähnliche Situation. Für die Menschen in Tschernobyl auf jeden Fall.

Geredet wurde über die Radioaktivität und deren Folgen zunächst wenig. Bei Regenwetter im Haus bleiben, keinen Salat essen, auf keinesfalls Pilze im Wald sammeln und essen, waren die Empfehlungen der Regierung. Wir sind zu weit weg, sagten die einen, andere meinten, es sei Panikmache und wieder andere haben große Ängste gelitten.

Die radioaktive Gefahr war weder sichtbar, noch spürbar und gerochen hat es auch nicht. Es wurden Lieder über die Auswirkungen komponiert. Die EAV (Erste allgemeine Verunsicherung) sang von dem Burli, der links und rechts drei Ohren hatte, Wolf Mahn mahnte mit dem Song Tschernobyl (Das letzte Signal) und gab den Ängsten Worte.

Innerhalb von drei Monaten starben durch den Unfall am Reaktorblock 4 in Tschernobyl 30 Anlagenbediener und Feuerwehrleute. Im Jahr 2000 redete die WHO von 50 000 Einsatzkräften, die durch den Super Gau ihr Leben verloren oder sich das Leben nahmen.

Sehr beeindruckend wird die Reaktorkatastrophe in der Mini-Serie „Chernobyl“ mit einem seiner Helden, den Wissenschaftler Waleri Legassow gezeigt. Auch das Verschleiern der Folgen durch den Staatsapparat oder dass das Leben einzelner egal war, Hauptsache, der Reaktor wurde endlich gelöscht, kam ebenfalls deutlich raus. Die Bilder von dem Reaktor, das Leck, die Versuche, die Katastrophe unter Kontrolle zu bringen, wird in dem Film brillant dargestellt. Es zeigt wie unmöglich es war, den Graphitbrand zu löschen. Auch die körperlichen Folgen, die Einsatzkräfte – die Strahlenopfer- zu erleiden hatten, wird gezeigt.

(1): Umweltinstitut München e.V.

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