Unkonventionell

Reden konnte er schon immer, dachte Angelika, während sie gebannt auf den Bildschirm starrte, auf dem nun Julians Gesicht in Nahaufnahme gezeigt wurde. Wer jedoch zuhören konnte, erkannte bald, dass er nichts als leere Worthülsen von sich gab. Inhaltlich war sein Gerede leer. Aber das störte die Leute nicht. Sie beklatschten Julians Ausstellung in der St. Peter Kirche. Als gewagt, als provokativ, als mutig, wurden seine vulgären Zeichnungen betitelt und er als unkonventioneller Künstler beklatscht. Julian ließ sich nicht von den herrschenden Traditionen einengen lassen, gaben die Medien die Richtung vor. Julians Zeitgeist kam schon während der Schulzeit dem Pipi Langstrumpf Spruch „Mache mir die Welt wie sie mir gefällt“ gleich.

Viele ihrer Klassenkameraden fanden das toll. So wie die Menschheit heute alles Unkonventionelle toll findet. Als wäre alles andere eine Schande.

Die Klasse war ein bunter Haufen, erinnerte sich Angelika. Da waren einfache Jugendliche,  die lernen wollten, um einen guten Schulabschluss zu erreichen. Aber die Mehrheit der Mädchen und Jungs kamen aus der gehobenen Gesellschaftsschicht. Die Mitschülerinnen waren wie Julian. Nur sich und dem Modemagazinen verpflichtet. Sie sollten irgendwie einen Abschluss schaffen, um im  elterlichen Unternehmen arbeiten zu können. Wenn sie keinen Abschluss schafften, wäre es auch egal gewesen. Papa regelte das schon. Dann waren da noch die Mädchen, die wie die Eltern der Hippie Zeit nachjagten. Sie trugen ähnliche Kleider und lächelten den ganzen Tag glücklich durch die Gegend. Sie waren friedlich gestimmt, meist viel zu zugedröhnt von dem Zeug, das sie rauchten. Ja, die Drogen hielten damals in den Schulen Einzug. Ob Julian auch welche nahm? 

Sie fanden ihn mutig, erinnerte sich Angelika. Mutig, dass er seine Beine samt den schmutzigen Schuhe auf den Tisch legte, schließlich gab es Putzfrauen. Die Mitschüler fanden es cool, wenn er Hausaufgaben nicht erledigte oder wenn er sich mit den Religionslehrern verbal duellierte, wobei seine Reden nur beleidigend und herabsetzend waren und seine Handlungen ebenso. Manchmal setzte er sich für „Minderheiten“ ein. Aber nur, wenn er einen Vorteil davon hatte. Dennoch hatte er seine Anhänger, wurde von der Mehrzahl der Mitschüler nicht geächtet, sondern geachtet. Weil er Akzente gegen das „Spießertum“ setzte, so deren Antwort. Wie dumm. Denn Julians Kleidung – Hemd und Krawatte – unterstrichen das Spießertum. Oder eher den elterlichen Reichtum, den er gerne zur Schau stellte. Genau das war sein Verhalten. Nicht Rebellion gegen Ungerechtigkeit, sondern Arroganz dem „niederen“ Volk gegenüber.

Warum durfte er das? Warum hatte er nie einen Verweis erhalten? Warum lächelten die Lehrer, als wäre er im Teenager-Alter schon eine richtungsweisende Ikone, ein  Naturtalent und ein IQ Wunder?

„Weil die Eltern die mit Scheinen gefütterten Briefumschläge auf den Tisch legten. Aber das wussten wir damals nicht und unsere Eltern waren klug genug, uns das nicht zu sagen“, rief Angelika dem Fernseher zu. Damals allerdings gab es noch Eltern, die sich aufregten, wenn solche Störenfriede in der Klasse den Unterricht störten. Seit der Schule hatte Julian sich ins Rampenlicht gestellt. Verändert hatte er sich in den Jahrzehnten nicht.

Julians Stimme dröhnte aus dem Fernseher: „Provozieren würde ich es nicht nennen. Ich möchte mit diesen Bildern auf die Diskriminierung aufmerksam machen, möchte wachrütteln, dass gerade in der Kirche niemand ausgeschlossen werden darf.“  

Angelika schnaubte und schaltete genervt den Fernseher aus. Zum einen mochte sie die Talkshows nicht, zum anderen hatten sie nur den Zweck, eine neue Unart populär und salonfähig zu machen. Einfach dafür zu werben. Kategorien gab es genug. Das Klima mit ihren Klimaklebern und vor allem die Kirche. Wenn ein Schleim-Jesus in der Krippe liegt oder ein Pfarrer aus dem Gotteshaus ein Tierheim macht, dann wird das bejubelt, als Kunst betrachtet, als unkonventionell beklatscht und die Rebellen zu Helden stilisiert, während Normalität  verachtet wird. Julian kam es ohnehin nie auf Inhalt an. Er wollte nur dagegen sein, wollte einfach seine Launen durchsetzen.

Angelika seufzte, während sie auf die Uhr schaute. Zum Glück begann ihre Schicht bald. Das würde sie auf andere Gedanken bringen. Von den Julians hatte sie genug.

Auf Zimmer 211 war ein Neuzugang, der am nächsten Vormittag operiert werden sollte. Julian Meier. Angelika erstarrte. Der Julian? War er nicht gerade noch in der Kirche und hatte provoziert und sich von den Medien feiern lassen?

 „Das ist ein neureicher Selbstdarsteller. Er hatte vorhin eine Ausstellung, da gab es wohl am Ende einen Unfall und Julian Meier hat sich den Arm gebrochen“, sagte Angelikas Kollege Dietmar als könnte er ihre  Gedanken lesen.

„Ich übernehme“, antwortete Angelika, ging in den Behandlungsraum, holte einen Verband und lief dann ins Medikamenten- und Apothekenzimmer, um eine bestimmte Tinktur zu besorgen. Damit ging sie ins Zimmer 211.

„Angelika? Genau diesen Beruf habe ich mir für dich immer vorgestellt. Wann kommt der OP Arzt zum Gespräch“, sagte Julian freundlich. Abwertend, beurteilte Angelika seine Tonlage und forderte Julian auf, den Arm auszustrecken.

„Ich bin der OP Arzt“, sagte Angelika und begann seinen Arm mit der Tinktur zu bestreichen und verband den Arm anschließend.

„Wobei OP so nicht stimmt. Wir schließen hier keine Behandlungsmethode aus, diskriminieren kein Verfahren und werden es zunächst mit Heilkräutern behandeln. Das dauert einige Zeit, aber wir sind unkonventionell und das wird von allen Patienten sehr gelobt“, sagte Angelika. Bevor sie über Julians entsetzten Blick lachen musste, verließ sie schnell das Zimmer.

Er sollte ruhig mal nachdenken, was wäre, wenn alle „unkonventionell“ arbeiten würden. Vor allem, wenn das von Menschen gefordert wird, die von den Grundlagen und dem Beruf keine Ahnung haben.

Foto und Text: Frankengedanken / Petra Malbrich

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