Das Netz

Etwas unhandlich war der Karton mit den Meisenknödeln, weshalb Stella Mühe hatte, ihn zu tragen. Zum ersten Mal hatte sie Mitleid mit den Post und Paketzustellern, die oft noch unhandlichere Pakete tragen mussten.

„Sind sie ohne…“ rief Helene, Stellas Großmutter schon von weitem.

„Netz. Ja, sind sie“, fiel Stella ihrer Großmutter in den Satz und vervollständigte ihn.

Ächzend stellte Stella den Karton auf der Terrasse ihrer Großmutter ab.

„Ohne Netz. In Großbuchstaben“, sagte Stella nachdrücklich und deutete mit dem Zeigefinger auf diesen Aufdruck.

„Die sind aber wesentlich teurer als die Knödel im Netz. Findest du dich da nicht ein bisschen kleinlich?“, fragte Stella.

„Nein. Ganz und gar nicht. Und wenn du dir mehr Gedanken über Flora und Fauna, und den Schutz beider machen, anstatt in den sozialen Medien Videos anschauen würdest, wärest du genau meiner Meinung. Netze sind die Wurzel allen Übels. Es gibt kein gutes Netz“, schimpfte Helene, bevor sie einen Hustenanfall bekam.  

Stella verdrehte ihre Augen. Oma war im Streitmodus und Stella wäre ihr rhetorisch unterlegen. Also schwieg Stella.

„Der Frühling steht vor der Tür. Tausende Zugvögel verenden in den Fangnetzen, die bei Ägypten aufgebaut sind, wenn unsere Singvögel in ihr Winterquartier fliegen, aber ebenso beim Hin- und Rückflug in den Süden, nach Italien, Frankreich oder Griechenland. Die einen lassen die Vögel elendig in den Netzen verrecken, weil sie diese als Delikatesse anbieten, die anderen aus Spaß am Töten. Netze brauchen wir ganz sicher nicht!“  Helene ließ ihrem Ärger in enormer Lautstärke freien Lauf, gefolgt von einer Niesattacke.

„Schon gut, Oma. Du wirst krank und solltest dich schonen“, besänftigte Stella. „Aber ungeachtet deines Gesundheitszustands, kannst du diese mehrere hundert Kilometer langen Netze nicht mit dem Netz eines Meisenknödels vergleichen.“

„Damit beginnt doch die Diskussion überhaupt“, meckerte Helene. „Netz ist Netz. Ob sich ein Vogel in den Fangnetzen verheddert und verendet oder im Netz des Meisenknödels, ist doch egal. Sie bleiben in dem oder dem Netz mit den Krallen, Schnäbeln oder Flügel hängen und verenden. Das Ergebnis ist dasselbe. Und all diese Netze verschmutzen die Umwelt und das Wasser. Mikroplastik. So klein und unsichtbar, aber umso größer im Schaden“, schimpfte Oma Helene und schniefte.

„Nicht zu vergessen die vielen kleinen Bodentiere, die in den Netzen hängen und sich nicht mehr befreien können. Igel beispielsweise“, zählte Helene weiter auf.

„Oma, schone deine Nerven. Es ist alles gut“, versuchte Stella ihre Oma zu beruhigen. Sie schien Fieber zu haben. Auf jeden Fall eine heftige Erkältung. Doch wenn sie sich erst mal in Rage geredet hatte, war sie nicht mehr zu stoppen. Hoffentlich hatte Oma die Doku über die Geisternetze in den Meeren nicht gesehen. Noch bevor Stella das zu Ende gedacht hatte, fing Helene genau davon an.

„Fische,  Wale, Haie, Robben – all diese Tiere verfangen sich in diesen Netzen, die herrenlos im Wasser umhertreiben. Sie sterben elendig.“ Helene schüttelte den Kopf. Die Bilder waren noch immer in ihrem Gedächtnis gespeichert. Unauslöschlich.

„Netze schaden, nehmen gefangen, zerstören“, nörgelte Oma Helene. „Nenne mir ein Gegenbeispiel.“

Warum sie nun mit ihrer Oma über Netze diskutieren musste, war Stella nicht klar. Aber so war es immer, wenn sie ihre Oma besuchte. Ein einziges Wort reichte, um eine Lawine ins Rollen zu bringen. Einmal war es die Aktion „Rettet die Bienen“, als Helene von der Aktion mit den Blühwiesen zu den Nachteilen der Hobbyimkerei lenkte und nicht mehr aus dem Schimpfen kam, dann waren es Geburtstagskerzen, die das Gespräch auf Palmöl und somit zur Regenwaldabholzung führte und somit wieder große Natur- und Umweltzerstörung deutlich zeigte. Von den Schikanen, denen die Völker ausgesetzt sind, ganz zu schweigen. Und das alles nur wegen des Wohlbefindens des Menschen. Weil er Kosmetika und Putzmittel brauchte. Stella musste zugeben, dem nichts entgegensetzen zu können. Nun waren es harmlose Meisenknödel, die Stella besorgt hatte, damit ihre Oma nicht so schwer schleppen musste und Futter für ihre Gartenvögel hatte. Doch wieder war eine Diskussion entbrannt.

Mit einem Netz fing man Fische. Ich werde dich zu Menschenfischer machen, fiel Stella bei dem Gedanken ein.

„Oma, nicht alle Netze sind schädlich“, sagte Stella. Als Menschenfischer brauchte Petrus auch ein Netz“, sagte Stella.

„Unsinn. Das ist bildlich gemeint, weil er ein Fischer war“, sagte Helene. „Und selbst wenn ein echtes Netz zum Einsatz käme oder gekommen wäre – sieh dir die vielen Netze von spirituellen Scharlatanen an. Sie fangen weit mehr Menschen mit ihrem Unsinn von Aura lesen und Jenseitskontakten und wünsch dir was. Ein Netz richtet nur Schaden an. Es gibt Kriminellen-Netzwerke oder Pädophilen-Netzwerke. Es gibt kein Netz, das keinem schadet. Netz ist immer Schaden und oft Leid. Punkt und Ausrufezeichen!“ Für Helene war die Debatte damit beendet. Sie öffnete den Karton mit einem Messer, holte drei Meisenknödel heraus und packte diese in den Meisenknödelhalter. Dann zerdrückte sie ein Knödel und legte das auf den Futtertisch für die Amseln und Rotkehlchen.

Stella überlegte fieberhaft, welche positiven Beispiele sie für Netz finden konnte.

„Das Internet ist auch ein Netz. In Blitzesschnelle kann man Informationen aufrufen, Nachrichten und Fotos übermitteln“, schwärmte Stella. „Das ist für viele Menschen eine enorme Arbeitserleichterung“, fügte Stella an.

„Das Internet ist die größte Katastrophe“, meinte Stella. „Es schadet dem Menschen, nimmt ihm jeden Schutz, macht ihn gläsern und zur leichten Beute“, sagte Helene.

„Doch nur, wenn es der Mensch zulässt“, schrie Stella. Sie war nun auch verärgert, weil ihre Oma alles nur negativ sehen wollte. Sie, die früher Stella immer erklärte, der Mensch sei derjenige, der durch sein Handeln eine gute Sache schlecht werden lasse, lehnte nun alles kategorisch ab. Omas berühmte zwei Seiten einer Medaille gab es nicht mehr. Von den Vor- und Nachteilen, die jede Sache hatte, war keine Rede mehr. Ebenfalls redete sie nicht mehr von der Verantwortung eines jeden, um solche Missstände erst gar nicht entstehen zu lassen. Je älter ihre Oma wurde, desto einseitiger in ihrer Ansicht.

Stella half ihrer Oma den Karton zu verstauen, bevor sie wieder nach Hause fuhr.

„Du scheinst eine heftige Erkältung auszubrüten. Leg dich doch ein bisschen aufs Sofa. Nach einer Stunde Schlaf sieht die Welt schon fröhlicher aus“, sagte Stella.

Zunächst dachte Stella noch über ein passendes Gegenbeispiel nach, doch ihr fiel keins ein. Wie bei der Diskussion mit Oma kamen ihr sofort die negativen Beispiele in den Sinn. Ein Netz, das keine Nachteile hatte? Keine für Mensch und Tier zerstörerischen? Oder kaum zerstörerisch? So, dass niemand leiden musste?

In den nächsten drei Tagen war Stella zu sehr beschäftigt, um an ihre Großmutter zu denken. Stella nieste und hustete ebenfalls, sie hatte sich bei ihrer Oma wohl angesteckt. Stella lag in ihrem Bett und hörte Radio. Die Nachrichten erzählten gerade von dem bereits stundenlangen Stromausfall. Viele Menschen froren oder konnten ihre medizinische Behandlung nicht fortsetzen. Stella war schockiert von dieser Meldung, denn ihre Oma wohnte nicht unweit von diesem betroffenen Gebiet.

Schnell tippte Stella  auf die Taste „Oma“. Das Freizeichen erschien. Stella runzelte die Stirn. Sie wusste nicht, wie ein Telefon klang, das vom Netz abgeschaltet war.

Endlich meldete sich Helene.

„Das Telefonnetz ist riesengroß. Es verbindet. Ein Haus mit dem anderen, eine Person mit der anderen. Das Stromnetz ist gigantisch groß. Es hilft Leben zu schützen. Es hilft besser zu sehen, es hilft den Tag länger nutzen zu können. Es erleichtert die Arbeit. Oma, ich bin so froh, dass es dir gut geht“, sagte Stella erleichtert. Sie hatte nun doch Beispiele gefunden, dass ein Netz auch verbinden, zusammenbringen und zusammenhalten kann. Letztendlich ist auch Familie ein Netz, das Sicherheit gibt, das unterstützt und versorgt.

Foto und Text Copyright Frankengedanken

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