Mit Narzissen zum Jahresrückblick

Es gibt keine Grenzen mehr, dachte Vanessa beim Bild, das sich ihr in der Blumenabteilung bot. Da standen noch ein paar vertrocknete Weihnachtssterne neben Glücksbambussen als Neujahrsgruß und dahinter bereits die ersten Narzissen. Einzeln als kleiner Strauß oder im Topf als idealen Frühjahrsgruß zu kaufen. Dabei waren die wenigen Schneeflocken, die es geschneit hatte, die bisher einzigen Winterboten. Der Frühling wird begrüßt, obwohl der Winter noch nicht da war. Kein Wunder, dass sich die Menschen immer gehetzter fühlen.

Es ist nicht nur das Internet und dass damit alles schneller geht. Es ist die von außen aufgezwungene Schnelllebigkeit, die den Menschen immer hektischer werden lässt. Wer kann den Winter noch genießen, wenn sich der Geist und das Auge schon auf Frühling und Ostern als neues Ereignis einstellen müssen? Ein Ereignis, das seine Zeit noch nicht hat. Wer kann die Ereignisse, so wie sie den Jahreszeiten und dem Kalender nach folgen, genießen, wenn die Firmen schon ab September auf Weihnachten einstimmen und der Christbaum schon im November in die Stube gestellt wird? Wer kann Weihnachten noch bis Heilig Dreikönig genießen, wenn es vor Silvester schon die ersten Tulpen und Narzissen gibt?

Impulsiv griff Vanessa zu den Narzissen. Sie gehörten zu ihren Lieblingsblumen und gerne hätte sie das neue Jahr mit diesen stimmungsvollen Farbtupfern begrüßt. Als hätte sie sich die Hände verbrannt, legte sie die Blumen wieder in die Pflanzen Ablage zurück. Narzissen erinnerten zu sehr an Narzissten und das wiederum erinnerte sie an Hagen, ihren Freund. Ex-Freund. Ein Jahr war es her, als sie sich kennengelernt hatten. Es war in der Blumenabteilung, in einem anderen Supermarkt, bei den Narzissen. Hagen hatte sich die letzten Blumen geschnappt, gerade als Vanessa ihre Hand danach ausstrecken wollte. Ganz charmant hatte Hagen reagiert.

„Sie lieben Osterglocken? Es sind meine Lieblingsblumen. Blumen so schön wie….“ Er hatte getan als würde er etwas suchen. „…. So schön wie Sie“, hatte Hagen gesagt, kurz an den Blumen gerochen und war mit dem Strauß zur Kasse gelaufen. Dann hatte er vor dem Laden auf Vanessa gewartet und ihr den Strauß mit schmachtenden Augen überreicht. „Kommen Sie gut ins neue Jahr und vielleicht denken Sie an mich, wenn Sie die Blumen sehen“, hatte der Fremde gesagt und der verdutzt blickenden Vanessa den Strauß in die Hand gedrückt. Sie hatte sich geschmeichelt gefühlt. Diese Worte taten ihr gut. Es war Balsam auf ihrer Seele und dass ein Mann sie gesehen hatte, obwohl sie nicht zu den auffallend schönen Menschen gehörte, das versetzte Vanessa in gute Laune.

Was sie nicht wusste war, dass er ihr gefolgt war und von da an hatte Vanessa fast jeden Tag eine Blume im Briefkasten. Immer eine Narzisse. Manchmal mit einem Kärtchen mit Komplimenten darauf. Den ganzen Januar hindurch ging das so, bemerkte Vanessa nun im Nachhinein. Und noch etwas fiel ihr ein: Er hatte die Blume nie Narzisse genannt, immer Osterglocke, obwohl er ganz sicher nicht christlich eingestellt war und selbst wenn es eine weiße Narzisse war, für die der Begriff Osterglocke nicht galt. Das hätte ihr eine Warnung sein sollen. Denn die Narzisse kam tatsächlich vom griechischen Mythos des Narziss. Das war ein schöner Jüngling, der sich in sein eigenes Spiegelbild in einer Wasserquelle verliebt hatte und an unerfüllter Liebe dort starb. An der Stelle ist die Narzisse gewachsen. Oder besser die Blume, die dann seinen Namen bekam. Bis heute steht die Narzisse auch für die Selbstliebe und Eitelkeit.

Eher das Gegenteil davon war Vanessa. Sie hätte mehr Selbstliebe bedurft und hätte sich damit ein emotional schlimmes Jahr ersparen können. Denn nach den Überhäufungen mit Blumen, mit anderen Geschenken, mit Komplimenten, mit den vielen Einladungen zu Veranstaltungen oder ins Restaurant, was im Februar folgte, malte er ihr gemeinsames Leben in den buntesten Farben aus, was den ganzen März anhielt. Sie fühlte sich wie eine Prinzessin, hatte endlich ihren Seelenfreund gefunden. Ein Irrtum.

Eigentlich hätte sie damals schon die ersten Warnzeichen erkennen müssen, überlegte Vanessa und erinnerte sich an die Erzählungen ihres Kollegen, der mit einer Frau mit ähnlicher Persönlichkeitsstörung liiert war. Ständig hatte sie einen Nervenzusammenbruch oder war verletzt, wenn ihre Wünsche nicht erfüllt wurden. Auch Hagen hatte ein gefährliches Blitzen in den Augen, wenn Vanessa seine Vorschläge ablehnte. Jede vernünftige Begründung war dann schon Grund für ihn, sich verletzt zu fühlen. Vanessa wusste noch, dass er unbedingt einen Winter-Kurzurlaub in Österreich buchen wollte. Als sie ihm erklärte, Urlaubssperre zu haben, war er richtig ungehalten geworden. „Wenn du krank wärst, müssten sie auch ohne dich auskommen“, hatte er gesagt. Oder: „Meine Mutter hatte mir auch jeden Spaß verdorben. Jeder durfte mit ins Schullandheim, nur ich nicht“. Er hatte nämlich eine schwere Kindheit.

Vanessa hatte immer gelacht, wenn sie diese Aussage von anderen hörte. Aber was Hagen erzählte, das hatte in Vanessa großes Mitleid geweckt. Heute wusste sie, dass fast jedes Wort gelogen war. Er war immer das Opfer. Sie erinnerte sich auch noch genau an den Tag, als sie wandern waren und Hagens Kollegin getroffen hatten. Falls es wirklich eine Kollegin war. Vanessa hatte sich verhalten wie immer und eigentlich gar nicht richtig zugehört. Auf einmal lachte die Kollegin, was Hagen als hämisch eingestuft hat. „Musstest du mich so blamieren? Kannst du nicht einmal an der richtigen Stelle das richtige sagen? Du bist die Letzte. Eine ganz miese Person. Es sieht dir ähnlich, dass du erst glücklich bist, wenn du andere durch den Dreck ziehen kannst.“ Das waren seine Beschuldigungen gewesen. Vanessa wusste bis heute nicht, was sie falsch gemacht haben sollte, denn sie hatte nichts gesagt. Solche Szenen gab es immer mehr.

Im Mai, Juni und Juli steigerte sich das ins Uferlose. Mittendrin kam eine Szene. Er gab gerne Geld aus, das er nicht hatte. Das erfuhr sie aber erst hinterher. Bis dahin hatte Vanessa alles vorgestreckt, aber nie zurück bekommen. Sie waren in einem Café und schon die ganze Zeit meckerte er über die unfähige Bedienung. Unfähig in seinen Augen. „Die kriegt gar nichts auf die Reihe“, so fing er an. Dann machte er sich über irgendein äußeres Merkmal der Person lustig. Er ließ den Kaffee zurückgehen, weil er nicht mehr heiß genug war, er prahlte damit, den Geschäftsführer zu kennen und würde sich beschweren… Es war immer dasselbe miese Spiel. Er überblähte sein Ego und machte andere klein. Vor allem an Vanessa hatte er immer etwas auszusetzen. Zunächst war sie zu blöd zum Kochen, dann hatte sie zu hämisch gelacht, dann fand er ihre Aussage sarkastisch, sie hatte dumm geschaut… Oft saß sie in ihrem Schlafzimmer und weinte. Erst dann kam er, nahm sie in den Arm, beteuerte ihr, dass es ihm leid tat und das alles nicht passiert wäre, wenn sein Chef heute nicht so unfair gewesen wäre. Er, Hagen, erledigte so viele Aufgaben und der Kollege, der immer krank feiere, der wurde befördert. Es täte ihm sehr leid. Er werde sich bessern. Entschuldigen wollte er sich nie. Das machte ihn grantig. Vanessa wolle nur, dass er zu Kreuze krieche. Das könne sie vergessen.

 Am anderen Tag bekam sie einen Blumenstrauß und das Ganze fing von vorne an. Wenn sie Bekannte oder seine Kollegen traf und mit ihnen ins Gespräch kam, wurde Vieles davon wieder als eine seiner vielen Lügen enttarnt.

„Kann ich Ihnen helfen?“ Eine Verkäuferin hatte Vanessas gedanklichen Jahresrückblick gestört.

„Danke. Ich überlege noch“, antwortete Vanessa, die den Strauß Narzissen immer wieder in die Hand nahm und dann wieder unschlüssig in den Pflanzenkorb legte.

Im August waren sie in den Urlaub gefahren. Zunächst war alles traumhaft schön. Hagen war glücklich und aufmerksam und liebevoll. Er trank viel, schlief lange und half nie. Und wie so oft änderte sich seine Stimmung schneller als das Wetter. Vor allem war er nicht treu. Das hatte Vanessa geahnt, aber erst viel zu spät Beweise dafür erhalten, in dem Sommerurlaub dafür täglich mindestens einen. Es hatte immer denselben Beginn. Er hatte irgendwo eine Schönheit ausfindig gemacht, zettelte mit Vanessa einen Streit an, verschwand und zog mit seinem Urlaubsflirt herum. „Du hast selber schuld. Deine Unterstellungen der Untreue muss ich mir nicht mehr bieten lassen, genau wie alle anderen Unterstellungen. Schau besser auf dich. Wie war das damals mit dem Partner deiner Freundin?“, warf Hagen Vanessa vor. Die Liste hätte sich mit erfundenen Beispielen und ähnlichen Beschimpfungen beliebig erweitern lassen. Vanessa saß im Strandkorb und weinte.

Doch je häufiger sie seine Untreue ansprach, desto gehässiger wurde Hagen. Zunächst stieß er sie in der Urlaubswohnung  „versehentlich“ zur Seite. Dass ein Schrank im Weg stand, war schließlich nicht seine Schuld, ebenso wenig, dass sie das Gleichgewicht verloren hatte.  Diese „unabsichtlichen Verletzungen“, die aus Missgeschick, Beschützerinstinkt oder aus Spaß entstanden, steigerten sich immer weiter. Um sie vor einem Auto zu schützen, musste er sie am Arm packen und wegzerren. So heftig, dass sie Blutergüsse hatte. Beschwerte sie sich, kam ein „egal was ich tue, es ist falsch. Helfe ich dir, passt es nicht, mache ich nichts, passt es auch nicht. Du bist unzufrieden und undankbar“, begründete Hagen und machte damit Vanessa zum Täter.

Als sie drohte, den Urlaub abzubrechen und mit der Bahn nach Hause zu fahren, da rastete er so aus, rempelte Vanessa „unabsichtlich“ um, dass sie über ihren gepackten Koffer fiel und sich den Kopf an der Tischkante anschlug, sodass ihre Platzwunde genäht werden musste. In der Klinik hatte Hagen wieder die besten Ausreden parat und zeigte sich als fürsorglicher Beschützer. Schuldgefühle hatte er nie. Er war das Opfer.

Den ganzen September verbrachte sie in dieser emotionalen Achterbahn. Irgendwann war sie so ausgelaugt, psychisch am Ende ihrer Kräfte, dass sie im Auto saß und keinen Elan mehr hatte, zur Arbeit zu fahren. Seine Abwertungen und Einschüchterungen hatten Muster. Lügen, betrügen, besänftigen, dann wieder Aufmerksamkeit, wechselnd mit verbalen Beschimpfungen, mit Missachtung und alles wie aus heiterem Himmel. Er räumte ihre Wohnung auf und entschied, was weggeworfen wurde und was nicht. Oft wusste Vanessa nichts davon, ihre Sachen waren einfach weg. Darauf angesprochen wechselte er zwischen Vorwürfen und Selbstmitleid. Wenn gar nichts mehr ging, zog er sich zurück und heulte wie ein kleines Kind und kam wieder mit seiner schweren Kindheit daher. Selbst wenn sie Beweise für seine Lügen auf den Tisch legen konnte, hielt er an den Lügen fest. Vanessa wusste irgendwann selbst nicht mehr, was richtig und falsch war, was Wahrheit und Lüge war. Sie machte sich zum Hampelmann, war seine Marionette, wusste das und konnte nichts dagegen tun. Nach mehreren Monaten hatte sie tatsächlich das Gefühl, ein schlechter Mensch zu sein.

Oft googelte sie nach seinen Verhaltensweisen und wie sie ihm helfen könnte. „Nehmen sie die Beine in die Hand und gehen Sie so schnell und so weit Sie können“, hatte sie so oft gelesen.

Im Oktober war sie so weit. Nach drei Krankschreibungen aus Erschöpfung, einem leeren Bankkonto und dem Gefühl wahnsinnig zu sein, trennte sich Vanessa von ihm. Sie hätte wissen müssen, dass er das am wenigsten leiden mochte. Er brauchte Macht. Brauchte einen Menschen, den er klein machen konnte, um sich groß zu fühlen. Zunächst hatte er sie wieder mit Aufmerksamkeiten und Liebesbeteuerungen überschüttet. An einem Freitagabend hatte er einfach die Tür aufgesperrt und war mit einer riesengroßen Pralinenschachtel in der Wohnung gestanden. Vanessa hatte geschrien vor Schreck und war kurz darauf wieder anfällig für Hagens Charme.

Als er wieder begann, ihre Wohnung aufzuräumen, reichte es ihr. Kaum dass er gegangen war, ließ sie ein anderes Schloss einbauen. Er kannte keine Grenzen und würde diese nie akzeptieren. Grenzen waren überlebenswichtig, entschied Vanessa.

Sie legte die Narzissen endgültig zurück. Es war weder Frühling, noch Ostern. Sie würde sich nicht mehr drängen lassen. Nicht von einem Menschen, nicht von Firmen, von niemanden. Es war Winter. Sie brauchte keine Blumen. Sie hatte ihren Christbaum und ihre Krippe, sie hatte den Lichterglanz und alles hatte seine Zeit. Ihre Zeit hieß Neuanfang. Ein starker Glaube an Gott, Mut, Stärke und Grenzen.

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