„Sauber“, entfuhr es Johanna, als sie mit drei weiteren Ärzten aus dem Jeep ausstieg. Sauber, das Wort, das auch für Überraschung steht. Dafür, mit etwas in der vorliegenden Form nicht gerechnet zu haben. Weder mit der Landschaft, noch mit den Lebensbedingungen der Südsudanesen hatte Johanna gerechnet, als mitten auf einem kilometerlangen Grasland das Auto angehalten hatte und das Ärzteteam aussteigen ließ. Ein Einheimischer half ihnen beim Ausladen der Koffer. Vereinzelt waren die runden Strohdächer der Behausungen zu sehen. Zelte waren aufgebaut, für die Mediziner aus den Industrienationen. Irgendwo in der Ferne stand ein Baum. Über einen Meter hoch waren die Gräser, dazwischen staubige, trockene Böden. Nomaden trieben ihr Vieh, Menschen flüchten vor den politischen Konflikten. Wassermangel ist trotz oder wegen der Überschwemmungen ein großes Problem. Ein Überlebensproblem. Wasserversorgung ist deshalb wichtiger denn je, weshalb in verschiedenen Projekten Brunnen für eine saubere Wasserversorgung gebaut werden.
Es war beinahe unerträglich heiß und doch fröstelte Johanna, als sie sah, wie sich zwei Frauen um das Wasser in einer Pfütze stritten, aus der auch Kinder tranken. In die Hand nahmen sie ein paar Tropfen des Wassers.
Morgen werden sie sterbenskrank sein, wusste Johanna. An Cholera erkrankten viele und noch mehr starben daran. Manche hatten Glück und wurden mit Wasserkanistern versorgt. Das Wasser aus den Flüssen mit Chlortabletten aufbereitet. Nicht immer hielten die Vorräte lang. Oft flüchteten Menschen und auch sie hatten Durst. Vom Vieh ganz abgesehen. Wie erstarrt beobachtete Johanna das wenige Leben um sie herum. Leben? Es war ein Kampf, ein Dahinvegetieren. Und doch war in den Augen der Bewohner eine Art Stolz zu sehen. Als würden sie sagen: Ihr reichen Weißen könnt uns mal.
„Sauber“, dachte Johanna, als sie von den Männern und Frauen skeptisch begutachtet wurde und selbst die Kinder teils einen feindseligen Blick hatten. Manche hatten ein kleines Lächeln in den Augen, die Hoffnung, dass die Weißen Linderung brachten.
Hier würde sie nun drei Monate arbeiten, würde die Kinder und deren Eltern untersuchen, würde sie mit Medikamenten und Impfungen vor den schlimmsten Krankheiten bewahren. Gemeinsam mit den Kollegen versorgte Johanna die Kranken, während andere Entwicklungshelfer beim Bau einer Wasserversorgung halfen. Schon bald hatte sich die anfängliche Skepsis gelegt und Freundschaften entwickelt. Besonders die Kinder waren anhänglich. Für jeden Erfolg hatten sich Johanna und ihre Kollegen gefreut, aber ebenso Rotz und Wasser geheult, als sie den kleinen Nhial beerdigen mussten. Mit großen schmerzverzerrten Kulleraugen hatte er sie angeschaut, sein Körper nur noch Haut und Knochen, und dennoch ein freudiges Funkeln im Gesicht. Er war nicht das einzige Kind, das Opfer seiner Lebensumstände wurde. Opfer eines großen geologischen Ungleichgewichts, politisch verstärkt und von der Welt akzeptiert. Wie sollte man den Menschen helfen? Selbst sie als Entwicklungshelfer und Mediziner waren von der Kriminalität, von dem Krieg und seinen katastrophalen Auswirkungen nicht verschont. Sie hatte mehr getan als jeder andere, dachte Johanna, als sie ihren Koffer ein paar Monate später wieder packte. Morgen würden sie wieder abreisen. Vorher jedoch freute sie sich mit Mardea und Janjay und deren Eltern, als sie endlich sauberes Wasser aus dem Brunnen schöpfen und ihren Durst löschen durften. Auch ihre Kühe bekamen Wasser. Ohne Bauchschmerzen und ohne Fieber als fiese Dreingabe.
„Sauber“, sagte Johanna lachend und streckte den Daumen als Symbol für Erfolg nach oben. Sie würde wieder kommen. Hierher oder in eines der vielen anderen Ländern Afrikas. Wo wird dort keine Hilfe benötigt? Kurz darauf flog sie hoch oben in der Luft und der Sudan war weit weg.
„Sauber“, entfuhr es Johanna, als sie die Gangway, die mobilen Stufen vom Flugzeug herunter lief und von einem Schneegestöber begrüßt wurde. Ordentlich viel Schnee, sollte das Sauber bedeuten. Ein Teekesselwort. Für gut, ordentlich, enorm oder viel, aber auch für sauber wie rein. Das Waschmittel, das nicht nur sauber, sondern rein wusch, fiel Johanna ein. Warum auch immer. War es nicht dasselbe? Konnte man sauber noch toppen? War rein wirklich eine Steigerung? Nein. Reflexartig schloss sie die Augen zum Schutz, während sie die wenigen Meter vom Landeplatz in die Halle, dem Terminal, lief. Kaum hatten die weichen Schneeflocken wie eine Feder den Boden berührt, verwandelten sie sich in Wasser. Busse, Taxis und andere Autos hatten den Weg in eine schmutzig matschige Fahrbahn verwandelt. Fast wie wenn Traktors nach dem Beackern der Felder auf die Straße bogen.
„Sauber“, entfuhr es Johanna wieder. Sauber, im Fränkischen auch ironisch für das Gegenteil des eigentlichen Adjektivs gemeint. Oder in dem Fall für ordentlich schmutzig. Es herrschte das übliche hektische Treiben. Viele Touristen, Geschäftsleute und andere Arbeitnehmer hasteten von der Halle zum Flugplatz und umgekehrt. Dazwischen das Tosen der Maschinen beim Start. Mitten in diesem Lärm fuhr eine Straßenkehrmaschine unermüdlich ihre Runden, kehrte den nassen Schmutz von der Straße, unterstützt mit Sprühstößen sauberen Trinkwassers, damit die Spuren und Schlieren wirklich weg waren. Damit es „sauber“ war. Da war es wieder, das kleine Wort mit den vielen Bedeutungen.
Die Straße und der Parkplatz mussten sauber sein, damit keiner der Fluggäste Schmutz in die Hallen trug. Johanna blieb stehen und beobachtete wie hypnotisiert das Straßenkehrgerät, das bei diesem Matschwetter unbeirrt seine Bahnen fuhr, ungeachtet dessen, wie unsinnig das Unterfangen war. Johanna schüttelte den Kopf, stieg ins Taxi, das sie zum Bahnhof brachte und von dort fuhr sie mit dem ICE weiter nach Hause. Auch am Bahnhof dasselbe Bild. Eine kleine wendige Straßenreinigungsmaschine, um mit sauberen Trinkwasser beladen, den schlimmsten Schmutz von der Straße zu waschen. Freilich kann Matsch zur Gefahr für die Menschen werden. Matsch war rutschig und somit könnte es bei einem dadurch entstandenen unfreiwilligen Sturz zu körperlichem Schaden kommen. Und freilich will man die Gebäude auch sauber haben. Das alles verstand Johanna. Sauberkeit ist wichtig, oft überlebenswichtig. Als Ärztin achtete sie extrem auf Hygiene und Sauberkeit. Trotzdem regte sich in ihr ein großer Widerstand und in ihrem Kopf leuchtete immer wieder das Wort „Wasserverschwendung“ auf, während sie vor ihrem inneren Auge das tote Gesicht des kleinen Nhial sah, der Wasser aus einer Pfütze getrunken hatte. Nicht nur einmal. Und sie sah die freudigen Gesichter der beiden Mädchen, als sie endlich unschädliches, wenn auch nicht sauberes Wasser trinken durften.
Die Straßenkehrmaschine putzte weiterhin den Weg mit Trinkwasser. Was für den einen sauber, ist für den andern längst nicht rein.

Foto und Text: Frankengedanken = Petra Malbrich
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