„Schmutziges Geschäft?“

An dem Kontoauszug konnte sich Paul irgendwie nicht erfreuen. Zwar zeigte das Blatt Papier eine Guthabensumme an, mehr als 400 000 Euro lagen auf seinem Konto, aber das erhoffte Glücksgefühl kam nicht auf. Es fühlte sich wie Betrug an und wenn Paul ehrlich zu sich selbst gewesen wäre, dann hätte er es auch so bezeichnet, denn nichts anderes als Betrug war es. Doch Paul betrachtete es als gutes Werk. So redete er es sich ein. Paul trank einen Schluck Kaffee. Seine Finger zitterten, entsprechend wackelte die Tasse und der Inhalt schwappte über. Ein Kaffeefleck breitete sich auf dem Kontoauszug aus. Zumindest weckte ihn dieser Schlamassel aus seiner Trance. Was, wenn ihnen doch jemand auf die Schliche kam? Es war nicht sein Geld und er wollte es auch nicht für sich behalten. Es sollte nur zwischengelagert werden. Aber es lag nun auf seinem Konto und er war schuldig, war Teil eines schmutzigen Geschäfts geworden. So sah er es heute, in nüchternem Zustand.

Die Umverteilung des Geldes war eine Schnapsidee, aus einer Schnapslaune heraus geboren. Nur dem Wort nach, denn Paul mochte keinen Schnaps. Er bevorzugte Rotwein, am liebsten aber trank er Bier und davon nicht zu wenig. Gerade die Wochenenden waren für Paul oft einsam. Obwohl er aus eigener Entscheidung heraus Single geblieben war, so wünschte er sich nun doch immer häufiger, eine Familie zu haben. In jungen Jahren hatte das Singledasein durchaus Vorzüge. Man war ungebunden, konnte so lange in der Bar sitzen, wie man wollte und hatte durchaus interessante Kontakte und Gespräche. Nicht nur mit Frauen. Auch mit Geschäftsführern, mit Politikern, mit Leuten, die „etwas darstellten.“ Nun blieben oft nur noch die letzteren Kontakte. Für Frauen war er uninteressant geworden, denn die Jahre , das gute Essen und das Bier waren auch an ihm nicht spurlos vorbei gegangen, bemerkte Paul, beim Anblick seines Gesichts, das sich in der Fensterscheibe spiegelte. Allerdings hatte er nun ein dickes Bankkonto. Das half manchmal.

Es war vor zwei Wochen gewesen. Wieder einmal war er in der Bar um die Ecke seines Straßenblocks gesessen, hatte ein Bier bestellt und nach Gesprächspartnern Ausschau gehalten. Es war wenig los gewesen und die meiste Zeit hatte er sich mit dem Barkeeper Jens, der zugleich Inhaber des Lokals war, unterhalten.

„War schon mal mehr los“, murmelte Paul.

„Die Leute müssen sparen“, sagte Jens und polierte die Gläser mit einem Geschirrtuch.

„Nur die Großköpfe nicht.“ Paul hatte den letzten Schluck getrunken, hatte das Glas am Tresen abgestellt und wollte eigentlich gehen, als die Tür geöffnet worden war und zwei Männer das Lokal betreten hatten.  

„Jens, eine Runde Bier. Für dich auch eins“, sagte der größere der beiden Männer, den der Ladenbesitzer mit Eddi anredete. Der andere Mann wurde Jako genannt. Vermutlich Jakob abgekürzt. Paul hatte die beiden Männer vorher noch nie gesehen. Es waren wohl alte Bekannte von Jens, zumindest ließ seine freundschaftliche Begrüßung darauf schließen. Jako hatte seinen Fotoapparat auf den Tresen gelegt. Die Kamera hatte er aufgrund seines Berufs gewohnheitsmäßig immer dabei. Ohne Kamera war er nicht vollständig bekleidet, hatte Eddi schmunzelnd über seinen Freund erzählt. Und damit waren sie schon mitten im Thema gewesen und trotz der mitternächtlichen Stunde in eine hitzige Diskussion über Mindestlohn, Ausbeute und berufliches Abstellgleis verstrickt.

„Oft gab es Tage, da hatte ich meinen Koffer noch nicht ausgeräumt, da musste ich schon zum nächsten Einsatz weg“, hatte Jako erzählt. Er war schlecht drauf an jenem Abend vor zwei Wochen. Dieser Zustand hatte wohl schon länger angehalten, aber da hatte er in Paul einen neuen Zuhörer entdeckt und konnte sein Leid klagen. Ausgebeutet war er geworden, hatte Jako geschimpft. In Kriegsgebiete sei er gereist oder sich in kommunistischen oder sozialistischen Ländern in Gefahr gebracht, um bestes Fotomaterial für kritische Reportagen liefern zu können. Auf Müllhalden hatte er sich geschlichen und die Kinder fotografiert, die dort nach Glas, Metall, Plastik und anderen verwertbaren Materialien suchten. Von den Kindern, die in den Fabriken an den Nähmaschinen für einen Hungerlohn in Akkordzeit arbeiten mussten. Nur damit sich die Kleidungsindustrie drei goldenen Nasen verdienen konnte. Und warum? „Weil wir eine Wegwerfgesellschaft geworden sind“, hatte Jako lallend hinzugefügt.

„Das war vielleicht mal so. Wer kann sich die teuren Markenkleidungen noch leisten“, hatte Paul gefragt.

„Wir werden inzwischen doch selbst ausgebeutet“, meinte Eddi. Er arbeitete in der Werbung und da war das Eis inzwischen dünn geworden. Neue Gesichter, neue Ideen, immer jüngere Leute, die für weniger Geld arbeiteten.

„Das ist in meiner Branche nicht anders. Wer braucht noch Versicherungsmakler? Dieser Beruf ist sehr ausgedünnt worden. Die Leute schließen online ab, da dann die Versicherung günstiger ist. Früher hatte ich so viele Termine. Heute? Heute bin ich froh, wenn sich in der Woche noch fünf Kunden in meine Agentur verlaufen“, hatte Paul erzählt.

„Ja, so ist das. Ich spüre das auch am Umsatz. Wer geht unter der Woche noch auf ein Bier in die Bar? Die jungen Leute sind gesundheitsbewusst, die alten können nicht mehr und die mittleren die trinken ihr Bier zu Hause beim Fernsehen. Es geht nicht nur der Versicherungsbranche oder den Zeitschriften schlecht. Es ist die Moderne, die uns weniger Beschäftigung beschert. Wer braucht noch einen Versicherungsmakler, wer einen Fotografen?“, sagte Jens, der nun auch ein Glas Bier getrunken hatte.

„Wir werden ausgebeutet wie die Leute in Afrika, in China, in Indien oder wo auch immer die Kinderarbeit boomt“, hatte Jako geschimpft.

„Das ist aber nicht nur wegen der Billigklamotten und der Wegwerfgesellschaft so. Das ist auch bei den Markenkleidern nicht anders. Im Gegenteil. Da kommt Kinderarbeit vielleicht noch häufiger vor. Wer legt sich mit einem Großkonzern an. Bei den Billigkleidungen sind die Stoffe schlecht in der Qualität und die Färbemittel mit zu vielen Chemikalien belastet“, hatte Jens erklärt.

„Diese Sichtweisen und Beschwerden gab es schon immer. Das war damals im Wandel zur Industrialisierung nicht anders. Und vorher auch schon so. Die Schere zwischen Arm und Reich wird es immer geben und die Ausbeute ebenso, sonst gäbe es die Schere nicht“, sagte Jens.

„Fair ist das jedenfalls nicht. Fair ist etwas anderes. Ich kann Robin Hood schon verstehen“, hatte Eddi gemeint.

„Robin Hood könnte auch modern sein. Man muss niemanden mehr überfallen. Es braucht nur einen Computerspezialisten, der die Reichen hacken kann, ohne Spuren zu hinterlassen“, hatte Jako gesagt.

 So war die Idee entstanden. Jako kannte die Firmen, die ausbeuten. Nicht die ganz großen Konzerne, sondern die Firmen, die im Mittelfeld spielten. Eddi kannte einen IT-Spezialisten, der den Nervenkitzel liebte und in seinem Beruf sehr gut war. Und Paul? Auf sein Konto sollte das erste abgezwickte Geld zwischenlagern. Nur wenige Minuten. Er sollte nur Bescheid geben, wenn das Geld auf seinem Konto ist. So hatten sie es in ihrer frustrierten Bierlaune besprochen, noch ein Bier getrunken und dann war jeder seines Weges gegangen.

Paul blickte wieder auf den mit Kaffeeflecken benetzten Kontoauszug und grübelte. Hatte er an jenem Abend seine Kontonummer bekannt gegeben? Er wusste es nicht mehr. Selbst wenn – für den IT-Spezialisten wäre es wohl kein Problem, seine Bankverbindung herauszufinden. Paul wurde es mulmig. So nett das Vorhaben an dem Abend in der Bar geklungen hatte, so sehr wollte er sich jetzt davon distanzieren. Man durfte doch fantasieren, ohne dass es gleich Wirklichkeit wurde.

Paul holte sich noch eine Tasse Kaffee. Was tun? Das Geld behalten. So tun als wäre es nie auf seinem Konto gelandet? Die anderen informieren, dass es eingegangen ist. Wer sollte es bekommen? Eddi? Jako? Jens?  Wahrscheinlich teilten sie das Geld zu viert – den IT-Spezialisten eingeschlossen. Wenn das ein verdeckter Ermittler in Sachen Geldwäsche war? Oder Internetkriminalität? Paul wischte sich die Schweißperlen von der Stirn. Auf was hatte er sich da eingelassen? Sollte er sich selbst anzeigen?

„Das kannst du nicht machen, Paule“, sagte er laut zu sich selbst. Nein, das konnte er wirklich nicht. Dazu müsste er erst wissen, ob sie es ernst mit ihm gemeint hatten. Obwohl es erst Mitte der Woche war, wollte Paul heute Abend in die Bar und mit Jens reden. Immerhin gehörte er zum Team.

Anders als er von Jens´ Erzählungen in Erinnerung hatte, war das Lokal gut besucht. Paul wartete einen ruhigen Moment ab. „Jens, hast du in den letzten Tagen etwas von Jako oder Eddi gehört“, fragte Paul.

Jens ließ gerade ein Pils in das Glas laufen. „Nein“, meinte er kurz angebunden.

„Was ist mit unserem Deal?“, fragte Paul.

„Welchen Deal? Ich weiß nicht, welchen Deal du mit ihnen vereinbart hast, aber ich habe keinen Deal laufen und die anderen beiden auch nicht. Die erzählen nur gerne Großfantasien“, sagte Jens lachend.

„Und der IT-Spezialist?“, fragte Paul mit trockener Stimme.

„Welcher IT-Spezialist? Ich denke, du hattest wohl einen über den Durst getrunken“, meinte Jens.

„Na der Hacker, der die Konten bewegt und bei mir zwischenlagert hat. Wie vereinbart. Du bist doch dabei gewesen, Jens.“

Nun lachte Jens laut auf.

„Wir kennen keinen IT-Spezialisten. Ich nicht. Welche krummen Dinger du laufen hast, weiß ich nicht. Aber zieh mich, zieh uns nicht mit hinein“, sagte Jens. „Das war nichts anderes als dummes Gerede von Eddi und Jako. In jedem Mann steckt ein Junge. Gestern haben sie von Robin Hood fabuliert. Wenn sie morgen von den Musketieren reden, holst du dir dann ein Schwert und kämpfst gegen die Feinde des Königs?“ Jens grinste.

Aber das Geld ist auf meinem Konto, dachte Paul. So lief das also unter Freunden. Die drei kannten sich. Er war der Sündenbock. Schon als er die Bar heute betreten hatte, wusste er, Jens log. Er konnte sich über das Geschäft nicht beschweren. Paul ging. Er musste überlegen, wie er seinen Kopf wieder aus der Schlinge bekam.

Andererseits: Da niemand den dubiosen IT-Spezialisten kannte, konnte es ihm egal sein. 400 000 Euro waren auf seinem Konto. Er würde das Geld nehmen und sich absetzen. Gut gelaunt verließ Paul das Lokal.

Der Kontoauszug lag noch immer auf seinem Schreibtisch. 400 000 Euro. Das stand da. Ganz deutlich. Es war die letzte Buchung in dem Quartal gewesen. Diese bekam er immer per Post zugeschickt. Zusätzlich.

Paul schaltete den Computer ein. „Sie haben eine wichtige Mitteilung von ihrer Bank“, zeigte der Betreff einer der eingegangenen E-Mails.

Da hatte er den Salat, dachte Paul und meldete sich bei seiner Bank an.

„Ihrer Versicherung ist bei der Buchung Ihrer Prämie ein Fehler unterlaufen. Bei den anzuweisenden 4000 Euro war vergessen worden, das Komma einzugeben, weshalb irrtümlich 400 000 Euro gutgebucht worden waren. Wir haben den Fehler beglichen“, las Paul.

Foto und Text Copyright Frankengedanken

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