„Das Gefühl“

Martha schauderte. Eiskalt lief es ihr den Rücken hinunter. Da war es wieder, das „Gefühl“ und sagte eindringlich: Da stimmte etwas nicht. Im Haus Nummer Vier war es dunkel.

Über die Liebe wollte Martha schreiben, doch nach wenigen Zeilen für die sie Stunden brauchte, beschloss sie bei einem Spaziergang den Kopf frei zu bekommen. Die Straßen waren wie leer gefegt. Es war Heiligabend und die meisten Leute verbrachten die Zeit mit Familien, Freunden oder vor dem Fernseher. Die Eiseskälte trug zusätzlich dazu bei, dass die Menschen in den späten Nachmittag in ihren warmen Stuben verbrachten. Oft lief Martha diese Straße entlang, wenn sie eine Schreibblockade hatte. Alles war wie gewohnt. Nur im Haus Nummer Vier war es anders. In dem Zimmer zur Straßenseite brannte kein Licht. Nur aus einem hinteren Raum, vielleicht der Flur, schimmerte Licht. Normalerweise brannte jeden Abend Licht, in den Wintermonaten jeden Nachmittag. Bisher hatte es nie eine Ausnahme gegeben. Die Rollos Die Rollos waren offen, sodass man üblicherweise einen Blick in das Zimmer werfen konnte. Sobald sich Martha dabei ertappt hatte, zwang sie sich, woanders hinzusehen.

In dem Haus lebte eine alleinerziehende Frau mit ihrer Tochter. Das Mädchen, Lina, war zurückhaltend, manchmal hatte sie einen fraglichen, fast feindseligen Blick, selbst wenn man sie freundlich ansprach. Doch etwas war heute anders. Meist spielte Lina im Wohnzimmer, dem Raum an der Straßenseite, während ihre Mutter in der Küche Essen zubereitete. Die Räume waren offen, nur durch Regale getrennt. Es war einfach eingerichtet, aber gemütlich und die Familie schien zufrieden. Martha schaute auf ihre Uhr. Es war fast 17 Uhr. Was sollte sie tun? Irgendwas stimmte nicht. Auf Annegret und Lina war Verlass. Vielleicht sind sie einkaufen und das Auto ist stehengeblieben. Sie wurden aufgehalten. Sie waren eingeladen, sie waren überfallen worden… überlegte Martha und fragte sich zugleich, noch bei Trost zu sein, wegen eines dunklen Wohnzimmers in Paranoia zu verfallen.

Es geht dich nichts an, sagte sich Martha und handelte genau gegenteilig. Sie schlich die drei Stufen zur Haustüre hinauf und versuchte durch das kleine Glasfenster zu schauen. Erfolglos. Also ging Martha um das Haus und drückte ihre Nase an die Fensterscheibe. Sie konnte nichts erkennen. Jetzt sah sie einen Schatten. Mist! Warum hatte sie sich gerade in dem Moment zur Straße gedreht. Sie klopfte sachte an die Fensterscheibe und beobachtete, ob sich in dem Licht ein Schatten bewegte. Nichts.

Martha lief wieder zur Haustür und klingelte. Es war ihr nun egal, ob sie für verrückt erklärt werden würde.

Nichts geschah. Martha klingelte erneut. Sie drückte ihren Kopf an die Tür und glaubte ein Wimmern zu hören. Nun pochte sie mit der Faust an die Tür.

„Hier ist Martha. Lina hörst du mich? Bist du zu Hause? Bist du alleine? Wo ist deine Mutter?“, rief Martha. Keine Reaktion.  Martha klingelte und klopfte erneut.

„Lina? Annegret? Ist bei euch alles in Ordnung?“, rief Martha. Nein, wenn alles in Ordnung wäre, würde jemand die Tür öffnen. Aber es ist jemand im Haus, denn es brennt irgendwo im hinteren Wohnungsbereich Licht und das Auto steht auch da“, beantwortete Martha ihre Frage selbst.

Zur Polizei gehen? Herr Hauptkommissar, kommen sie doch bitte mit, denn im Haus Nummer Vier brennt nur im hinteren Bereich Licht, was nicht normal ist? Martha schüttelte den Kopf. Er würde sie für verrückt erklären und vielleicht war sie das auch. Aber sie hatte dieses „Gefühl“ und das ging nicht mehr weg.

Gerade wollte Martha ein letztes Mal klopfen, als sie hinter der Haustür ein Schluchzen vernahm.

„Lina? Bist du das? Ich bin Martha vom Ende der Straße. Du kennst mich. Kann ich euch helfen? Ist etwas passiert?“

Kurz darauf hörte Martha, wie Lina den Schlüssel drehte.

Die Tür wurde einen Spalt breit geöffnet und Linas Gesicht erschien. Sie hatte geweint, erkannte Lina selbst im Dunkeln.

„Meine Mutter bewegt sich nicht mehr“, flüsterte Lina.

Martha hastete mit Lina in die Wohnung, in den hinteren Bereich. Das war der Flur, der zum Schlafzimmer und zum Badezimmer führte.

„Mama wollte sich anziehen und einkaufen und ist dann umgefallen“, erklärte Lina.

Martha wählte schnell den Notruf und nahm Lina beruhigend in den Arm, bevor sie in den Kühlschrank schaute. Der war ziemlich leer. Wahrscheinlich wollte Annegret noch schnell einkaufen. Wenig Schlaf, der Stress und die Armut waren für Martha die Gründe für Annegrets Kollaps.

Der Notarzt kam schnell. Lina brach in Tränen aus, als sie ihre Mutter ins Krankenhaus brachten. „Kann ich mitkommen?“, fragte Lina und lief den Sanitätern hinterher. Doch Martha hatte das Mädchen schon eingeholt, legte ihren Arm um Linas Schultern und beruhigte das Mädchen. „Du kommst mit zu mir. Wir werden nun eine leckere warme Mahlzeit essen“, sagte Martha, die noch fröstelte.

„Das war Rettung im letzten Augenblick. Sie ist durch Herzprobleme bewusstlos geworden. Ein paar Minuten später und es hätte schlimme Folgen gehabt. Sie haben uns gerufen? Sind Sie verwandt, leben Sie hier im Haus oder woher wussten Sie davon?“, fragte der Arzt.

„Ich hatte einfach so ein ungutes Gefühl“, antwortete Martha.  

#petra_malbrich

#autorin

#kurzgeschichte

2 Gedanken zu „„Das Gefühl“

  1. Eine sehr positive Geschichte. Lieber dem Gefühl folgen und
    einmal zuviel fragen …
    Passt auch gut zu Weihnachten.. Es ist wichtig seine Mitmenschen nicht aus den Augen zu verlieren!

Schreibe einen Kommentar zu P. Maderer Antwort abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert