„Alles Liebe?“

„Bin ich hier im Zoo? So viel Geschrei, das hält kein Esel aus“, rief Molly. Es war ein rabenschwarzer Tag für sie und er war noch nicht zu Ende. Nicht nur, dass Vanessa den ganzen Tag schon am Rande der Weide saß, ihr Baby im Kinderwagen hin und her schiebend, rannte ihre geliebte Vanessa nun auch noch in den Stall, weil Dolores endlich ihr Fohlen bekommen hat.

„Oh, Dolores, das hast du toll gemacht. Sieh nur, du hast eine Tochter. Wir nennen sie Cleo“, äffte Molly ihre geliebte Vanessa nach. Dieses Fohlen gab Molly den Rest. Molly sackte lautlos auf die Erde, schlug mit ihren langen Beinen wie wild um sich. Doch egal, wie sehr sie tobte, sie erreichte ihre Ohren nicht und somit war sie dazu verdonnert, die Jubel- und Freudenrufe weiter zu hören.

Niemand außer Hercules sah Mollys Träne. Er ließ sich ebenfalls auf den Wiesenboden sacken.

„Weine nicht, meine allerliebste und allerschönste Molly“, flüsterte Hercules.

Molly schnaubte energisch auf.

„Was ist schön an einem Maultier? Ja, wenn ich eine Stute wäre, wie Dolores. Dann wäre das Leben viel einfacher. Dann würden auch wir beide ein Fohlen bekommen“, meinte Molly. Hercules schüttelte seine Mähne, weil sie das eben nicht konnten, aber immerhin brachte das Molly zum Lachen.

„Selbst unsere Haare sind weniger buschig als die der echten Pferde. Wir sind nur deren Clowns, die niedrigere Form der edlen Tiere. Wir sind Maultiere“, sagte Molly. Sie versuchte sich ihre Enttäuschung nicht anmerken zu lassen, dennoch war die Traurigkeit zu hören.

„Pferde sind doch keine edlen Tiere. Adler sind edel, Schwäne sind elegant, Eisbären sind stark und die Löwen, ja sie sind richtig majestätisch“, zählte Hercules auf. Er wollte seine Frau trösten.

„Wir sind stärker als Eisbären oder hast du einen Eisbären schon mal so viel Müll schleppen sehen, wie wir es oft genug tun?“

„Du kannst doch die vielen Menschen, die wir täglich tragen, nicht als Müll bezeichnen“, schimpfte Hercules.

Molly schnaubte und schaute Richtung Stall, wo Vanessa überglücklich über das neugeborene Fohlen war. Sogar ihr eigenes Kind hatte sie allein im Kinderwagen auf der Koppel zurückgelassen.

Die Stille wurde durch die hektischen Flügelschläge der Spatzen durchbrochen. Sie suchten in Windeseile ein Versteck. In ihrer Angst zwitscherten sie wild durcheinander.

„Ein Sperber kommt“, erklärte Hercules.

Molly wieherte.

„Man merkt, dass dein Vater ein Esel ist. Das ist kein Sperber, das ist ein Kuckuck“, erklärte Molly und betrachtete den Vogel.

„Ein Kuckuck müsste man sein“, sinnierte Molly.

„Die Vögel glauben, ein Sperber nähert sich an und verlassen ihre Nester. Dies nutzt der Kuckuck, um sein Ei ins Nest legen zu können. Die Vögel brüten den Kuckuck aus.“ Molly hielt eigentlich mehr ein Selbstgespräch. Doch plötzlich glänzten ihre Augen.

„Hercules, wir müssen Tacheles reden“, sagte Molly streng, stand auf und blieb stramm stehen.

„Wir können keine Kinder bekommen, weil ja wir schon die Kinder sind. Wir sind bereits die Kreuzung von Stute und Esel. Und wir haben kein bisschen Kuckuck in uns. Deshalb handeln wir nun wie die Menschen. Wir kaufen uns ein Muli!“

 Jetzt war es raus. Molly grinste breit, während sie Hercules anstarrte als würde sie ihn hypnotisieren.  

„Sag endlich was dazu!“

„Wie soll das funktionieren? Womit willst du Dolores bezahlen oder willst du Cleo stehlen? Das ist kriminell. Da bin ich raus.“

„Natürlich nicht. Aber sie könnte nochmal trächtig werden und muss uns dann das Kind geben. Das wird vorher fest vereinbart“, erklärte Molly.

Hercules wieherte lauthals.

„Das ist doch Unsinn. Dolores würde das nie tun. Sie ist ein Edelpferd. Warum sollte sie uns Mulis ein Fohlen geben?“

„Weil wir sie bezahlen?“

Hercules schüttelte den Kopf.

„Du warst zu lang in der Sonne. Dolores braucht keine Bezahlung. Sie hat alles im Überfluss. Sie ist Vanessas Augapfel. Nein. Außerdem ist es von Natur aus nicht vorgesehen, dass wir ein Kind bekommen. Es ist einfach so. Finde dich damit ab“, sagte Hercules und verfiel in eine Schweigeminute.

„Es ist von Natur aus nicht vorgesehen. Es war ja nicht die Natur, die uns geschaffen hat, sondern der Mensch. Aber auch wir haben Gefühle und Wünsche und somit das Recht auf Nachwuchs. Und weil wir das nicht bekommen können, gehen wir andere Wege. Du hast eine richtige altmodische Einstellung“, schimpfte Molly.

„Kein normales Tier wäre so verrückt, für dich ein Fohlen auf die Welt zu bringen. Warum sollte es das tun?“, fragte Hercules.  

„Du denkst nicht weit genug. Freilich wird es kaum eine Stute aus gutem Stall geben, die das einfach aus Liebe tut. Aber es gibt auch genug andere Stuten. Stuten, die ausgedient haben. Oder in keinem Stall leben durften“, überlegte Molly.

„Für ein solches Vorhaben brauchen wir ein armes Pferd. Eine Stute, die so arm ist, dass sie für jeden Halm Hafer dankbar ist“, führte Hercules weiter aus. Er hatte inzwischen Gefallen an der Idee gefunden und doch große Skrupel, denn das wäre Ausbeutung und das fand er kriminell. Nein, es ist nicht richtig, dachte Hercules und nahm sich fest vor, mit Molly nochmal darüber zu reden. Sie war heute nur besonders empfindlich. Das lag an Cleos Geburt und an den Sonderstreicheleinheiten, die Dolores bekam.

 „Wo gibt es solche armen Tiere? Lass uns das….“ Weiter kam Molly nicht. Eine Stechmücke kreiste um ihre Mähne herum und Molly schüttelte unentwegt, um von diesen Biestern nicht gestochen zu werden. Vergangenes Jahr hatten sie fast die ganze Herde des Nachbargestüts ausradiert. Zum Reiten waren sie jedenfalls nicht mehr zu gebrauchen, nach den Krankheiten, die dort ausgebrochen waren. Richtig zerschunden hatten die Pferde ausgesehen.

„Arme Stuten. Arme Kühe, arme Hasen – so ist es doch nicht“, sagte die Stechmücke namens Bill.

„Das ist doch nur Geschwätz von den Tieren, die alles in Überfluss haben. Und von ein paar Menschen, die den anderen nichts gönnen“, sagte Bill. Er setzte sich auf einen Ast, der nahe genug zu den beiden Maultieren reichte.

„Es gibt genug Tiere, die das freiwillig machen. Aus Liebe und Nächstenliebe. Und wenn das alles ordentlich vertraglich geregelt ist, gibt es auch keine Probleme“, verkündete Bill. Es sind doch nur die Neider, die Männer, die Macht behalten wollen, die dagegen sind. Liebe aber sollte niemals Grenzen haben. Wer aus Liebe handelt, geht niemals falsch“, säuselte Bill.

Das war Musik in Mollys Ohren. Hercules sah es in Mollys Augen. Sie würde dieses Angebot in Anspruch nehmen wollen. Was sollte er tun? Er liebte Molly. Hatte Bill gerade nicht selbst gesagt, dass es viele Tiere gibt, für die Liebe alles ist und die aus Liebe alles tun würden? Er würde für Molly auch alles tun.

„Das ist doch sicher nicht kostenlos“, meinte Hercules.

Bill flog hin und her, ließ dabei sein gefährliches Säuseln hören. Selbst wenn es jetzt die Aufregung eines anstehenden Geschäfts war, so klang es dennoch bedrohlich. Die Menschen dachten immer der Löwe oder ein Bär sei das gefährlichste Tier der Welt. Das zeigte nur, wie dumm der Mensch war. Die Stechmücke ist das gefährlichste Tier, übertrug das winzige Insekt doch Krankheiten, die den stärksten Lukas umhauten.

„Natürlich ist es nicht kostenlos. Die trächtigen Tiere müssen ja gut versorgt werden. Sie brauchen einen trockenen windgeschützten Schlafplatz, sie brauchen gutes Essen, sie brauchen einen Menschen, der ihnen beiseite steht, wenn es soweit ist. Dafür hast du die Qual der Wahl“, meinte Bill.

Qual der Wahl? Was meinte die dämliche Mücke damit, überlegte Hercules.

„Ihr dürft euch aussuchen, wie euer Fohlen aussehen soll“, sagte Bill und fügte hinzu:

„Morgen, selbe Uhrzeit hinten an der Scheune beim Wasserrad.“

Wäre Hercules gelenkig genug, hätte er sein Vorderbein vor die Augen gesetzt, um seine schrecklichen Visionen ausblenden zu können. Ausgerechnet am Wasserrad. Immer war gewarnt worden, in die Nähe des Wasserrads zu gehen. Dort würden nur zwielichtige Geschäfte abgeschlossen, hatte sein Vater ihm immer eingebläut. Und der war bekanntlich ein Esel.

Doch Molly war so begeistert, hatte so viel Freude und Liebe im Blick, dass er ihr das nicht verwehren wollte.

„Warum erst morgen. Können wir nicht heute schon?“, fragte Molly schüchtern.

Eine Minute später nickte Bill, flog los und meinte: „Folgt mir“.

Noch vor Einbruch der Dunkelheit waren sie am Wasserrad angekommen. Wie zur Salzsäule erstarrt blieb Molly stehen, als sie drei Hyänen am Tor wachen sah.

„Keine Sorge. Sie tun nichts“, meinte Bill, konnte sich aber ein Lachen nicht verkneifen.

Die Hyänen traten geifernd beiseite, damit Molly und Hercules zum Unterstand gelangten. Dort stand ein Waschbär, bei dem man nie wusste, ob er freundlich oder betrügerisch grinste.

„Hybriden. Ihr wollt Kinder. Das kann ich verstehen. Ihr seid bei mir genau richtig“, meinte der Waschbär, den Bill mit dem Namen Jakob anredete.

„Du verstehst uns?“, fragte Molly naiv.

„Klar. Ihr könnt von Natur aus keine haben. Das liegt an dem Menschen. Wir müssen uns vom Menschen nicht alles gefallen lassen. Keiner sollte auf Nachwuchs verzichten müssen“, sagte Jakob und legte einen Katalog auf den Tisch.

„Sucht euch ein Kind aus. Soll es eine Stute werden? Ein Hengst? Eine Eule? Auch einen Hasen können wir euch anbieten. Soll er eine besondere Fellfarbe haben? Oder besonders lebhaft sein? Ein guter Springer, damit er an Turnieren teilnehmen kann? Alles drin, was das Herz begehrt. Die Preise stehen daneben“, meinte Jakob.

Je mehr Seiten Molly umblätterte, desto mehr begeistert war sie von den vielen süßen Tierbabys. Doch die Preise waren gesalzen. Für ein Stutenfohlen wollte Jakob drei Jahre lang die Zuckerrübenernte aller fünf Felder, die Vanessa hatte. Wie sollten sie das bewerkstelligen?

„Ihr müsst nur dafür sorgen, dass der Stall zugänglich ist und euch ruhig verhalten, wenn unsere Leute den Stall leer räumen“, meinte Jakob.

„Und wenn es uns nicht gelingt?“, fragte Hercules.

Bill fing an zu säuseln. Das war Antwort genug. Sie würden Seuchen über Vanessas Herde bringen. Nicht nur über die Pferde, auch über ihre Nutztiere.

„Und wenn uns jemand erwischt?“, fragte Hercules.

Just in dem Moment drang aus der Hütte ein jämmerliches Geheule. Es war so ohrenbetäubend, dass Molly zu zittern begann.

Dann war es totenstill.

„Dann geht es euch wie dem kleinen Kalb. Wird die Ware nicht bezahlt, wird die Ware zurückgenommen“, antwortete Jakob, während er seine Krallen polierte.

„Zurückgenommen? Aber das Kalb wurde doch nicht abgeholt“, stellte Hercules fest.

„Natürlich nicht. Wer soll es denn holen? Die Kuh, die ihn gebärt hat? Die ist bereits wieder trächtig und kann ohnehin nicht mehr auf ihren Beinen stehen. Nach dieser Geburt ist sie reif für den Schlachter. Das Kalb wurde getötet. Für meine Wächter Hyänen, die guten Dienst leisten, ist das ein Geschenk“, erklärte Jakob.

Hercules war von der Gefühlskälte des Waschbären einerseits schockiert. Andererseits wunderte ihn das nicht. Wer solche Geschäfte trieb, der hatte keine Gefühle und kannte keine Moral.

„Also, welches Fohlen wollt ihr nun?“, fragte Jakob.

„Ähm. Der Hase scheint mir bezahlbarer zu sein“, meinte Molly verängstigt.

Die Hyäne, die gerade aus der Hütte kam und sich noch das Maul schleckte, kicherte.

„Ein Maultier, das einen Hasen als Kind hat? Ja, daran erkennt man doch, dass Hybride schon einen Dachschaden haben“, sagte die Hyäne frech.

Hercules konnte nur zustimmen. Genau so fühlte er sich. Als wäre er nicht ganz dicht, sich auf Geschäfte mit einem Waschbären und einer Stechmücke einzulassen.

Aber wie konnte er sich aus dem Schlamassel befreien? Hercules blätterte in dem Katalog, tat als würde er sich die Kinder nochmal anschauen. Erschrocken hielt er inne, als ein Ast knackte. Ein Pavian ließ sich von einem Ast auf den Boden fallen und warf Jakob zwei tote Hasenbabys vor die Pfoten. „Die halten nicht viel aus“, beschwerte sich der Pavian. Ein weiteres, krank aussehendes und weinendes Paviankind trug er auf seinem Rücken.

„Vielleicht kannst du einfach nicht genug kriegen, Bubi“, meinte Jakob. „Zügle dich doch ein wenig“, fügte der Waschbär an.

„Wenn ich sie doch sooo sehr liebe. Was kann ich dafür? Hast du noch Ware, die nicht abgeholt wurde“, fragte Bubi.

Jakob zeigte mit dem Kopf auf die Hütte. „Ein Zwergferkel und zwei Welpen.“

Bevor Bubi die Bezahlung regelte – für seine Vielbestellungen bei der Ausschussware, erhielt er großzügigen Rabatte- kam eine der Wächterhyänen an.

„Eine Kuh-Leihmutter ist kollabiert, die können wir nicht mehr gebrauchen und einer Antilope gelang die Flucht“, sagte die Hyäne.

„Für die Kuh kannst du deinem Trupp Bescheid geben, um die Antilope kümmert sich Bills Mannschaft“, ordnete Jakob an.

„Und sag unserer Löwin Olga, sie soll sich um die neuen Prospekte kümmern, soll ein paar schöne Tiere mit Babys fotografieren. Ein paar Models wird sie schon finden“, rief Jakob hinterher.

Aus den Augenwinkeln sah Hercules, dass Molly entsetzt war. Ihr ging es wie ihm. Diese Kinderwunschkataloge waren kein Geschäft der Liebe.

Es war Ausbeutung, es war Tierhandel, es war kriminell und illegal. Wenn Schmerz, Ausbeutung und Tod von Mutter und Kind in Kauf genommen wurde, nur um Geld zu verdienen, dann war das äußerst unmoralisch und  verwerflich. All das geschah unter dem Deckmantel der Liebe.

Ja, Liebe. Das war das wohlklingende Wort, mit dem Bindung, Zuneigung, Schutz und Verantwortung verbunden wird. Das mag bei vielen so sein. Aber wenn „Liebe“ zum Geschäftsmodell wird, dann hat es mit Liebe nichts mehr zu tun. Liebe  ist nicht anderen Leid oder Schmerz zuzufügen. Liebe ist auch nicht, den Tod eines anderen Lebewesens in Kauf zu nehmen, um seine Wünsche zu befriedigen.

Der Wunsch nach einem Kind durch Leihmutterschaft, um Liebe zu geben, beginnt damit, diesen Wunsch nicht als Liebe zu definieren, sondern als Eigennutz und als Egoismus.

Liebe heißt auch zu akzeptieren, dass Manches nicht möglich ist. Wenn es so nicht vorgesehen ist.

„Es tut mir leid, Jakob, aber ich kann mir deine Preise nicht leisten“, meinte Molly und verließ den Platz am Wasserrad.

Schweigend trottete sie neben Hercules nach Hause.

Es war bereits dunkel geworden, als die beiden Maultiere an ihrer Weide ankamen.

Vanessa hatte eine Taschenlampe in der Hand und sie und ihre Mitarbeiter suchten die ganze Weide samt Koppel ab.

„Da seid ihr ja“, rief Vanessa überglücklich, als sie ihre beiden Maultiere sah und ihnen liebevoll über die Mähne strich.

„I-Ah“ hörte Molly aus der Richtung ihres Unterstands und drehte ihren Kopf dorthin.

„Meine liebe Molly. Das ist eine kleine Eselin, die zum Schlachter sollte. Der Besitzer wolle einen Esel. Ich habe die Kleine dem Besitzer abgekauft. Das Mädchen passt gut zu uns, dachte ich mir. Aber nur, wenn du das möchtest. Sie braucht eine Mama. Ich denke, du bist eine gute Mama“, meinte Vanessa.

Das hörte Molly jedoch nicht mehr. Sie war bereits bei der kleinen Eselin, legte sich zu ihr auf den Boden und brummelte irgendwas in des Esels langes Ohr.

Liebe ist, nicht die eigenen Bedürfnisse an erster Stelle stellen. Das ist Egoismus.

Ich liebe dich, Molly, dachte Hercules.

Foto und Text: Frankengedanken / Petra Malbrich

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