Plötzlich verstummten die Vögel. Diese sofort einsetzende unheimliche Stille signalisierte genau das, was es war: Gefahr. Hannes blickte zunächst nach oben. Außer den Wipfeln der Bäume und ein paar Wolken, sah er nichts. Die Gefahr kam also nicht von oben in Form eines Raubvogels, sondern aus anderer Richtung, wie er nun auch an den fliehenden Rehen erkennen konnte.
Hannes drückte sich weiter an die fünf Ster Holz, die er vergangene Woche im Wald gesägt und geschlichtet hatte. Hannes hatte einen Forstbetrieb und fällte hauptsächlich für Privatwaldbesitzer die Bäume und zerkleinerte das Holz an Ort und Stelle. Die meisten Waldbesitzer holten ihr Holz mit Autoanhängern heraus. Das Holz war deshalb nah am Feldweg aufgeschichtet worden. Gegenüber war eine einfache Holzhütte, in der früher einfache Arbeitsgeräte und die Obststeigen von den Landwirten aufbewahrt worden waren. Auch diese einfach gebretterte Hütte war nah am Feldweg und doch mitten im Wald. Mit einem Einhängeschloss war die Tür gesichert. Dieses fehlte, bemerkte Hannes jetzt und hörte kurz darauf einen Automotor laufen. Deshalb hatten sich die Waldtiere in Sicherheit gebracht. Hannes vermutete Touristen, wie so oft, und war nur genervt, dass selbst im Wald die Ruhe nicht eingehalten wurde. Der Motor wurde ziemlich weit vorne am Waldrand abgeschaltet und das Auto wohl geparkt worden.
Kurz darauf hörte Hannes Schritte auf dem Waldboden und Keuchen. Ein paar Wortfetzen drangen zu Hannes. „…wird doch nicht die Vorstellung platzen lassen“ und „Bist du dir sicher, dass er hier in den Wald abgebogen ist?“
Kurz darauf sah er zwei Männer, beide mit Jeans, Hemd und Jacke gekleidet. Sie sahen aus wie Arbeiter, wie Wanderer, wie ganz normale Leute. Von der Kleidung aus konnte er auf Nichts schließen, am wenigsten auf ihre Absicht und wen sie warum suchten. Hatte die gesuchte Person mit dem verschwundenen Vorhängeschloss zu tun? Hielt sich die gesuchte Person in der windigen Hütte auf?
„Patrick! Bist du hier? Was soll das denn? Komm, wir reden nochmal und finden eine Lösung“, rief der Mann mit den kurzen dunklen Haaren und dem Kurzbart. Es blieb still. Nur das Knacken der dünnen Ästchen war zu hören, sobald einer der Männer einen Schritt ging. Die Vögel blieben immer noch stumm.
„Hey, Patrick! Mach doch eine Mücke nicht zum Elefanten“, rief nun der andere Mann. Er war größer, schlanker, hatte hellere Haare, die ihm bis zur Schulter reichten. „Du kannst bleiben“, rief der Mann in den Wald. Inzwischen waren die Männer an der Hütte angelangt. Der eine Mann rüttelte an der Tür, während der andere versuchte, durch das kleine Fenster etwas vom Inneren der Hütte sehen zu können. Der Bärtige stieß mit dem Schuh an die Hütte. „Mist! So ein Mist! So ein Idiot, lässt uns einfach hängen“, jammerte der andere Mann.
„Ich sage dir, er ist nicht in den Wald abgebogen. Was soll er hier? Mit den Rehen schlafen? Wer weiß, was Alina gesehen hat. Wie konntest du ein Kind nach ihm suchen lassen“, schimpfte nun der langhaarige Mann.
Hannes versuchte unbemerkt zu bleiben, drückte sich eng an den Holzstapel und bewegte sich kaum, damit die Aufmerksamkeit der zwei Gestalten nicht auf ihn gelenkt wurde. Sie sahen zwar nicht gefährlich aus, aber wer wusste das schon? Offenbar suchten sie jemanden, der sie im Stich gelassen hatte. Jemanden, den sie dringend brauchten. Wer wusste schon, in welche dubiosen Geschäfte sie verwickelt waren? Er jedenfalls bevorzugte unentdeckt zu bleiben. Den Krimis im Fernsehen nach, wurden auch Zeugen einfach aus dem Weg geschafft.
„Lass uns umkehren. Er ist nicht hier“, brummte der Bärtige.
„Wo willst du ihn dann suchen?“, fragte der Langhaarige.
„Wer sagt, dass er überhaupt verschwunden ist? Nur weil Alina ihn weggehen sah? Vielleicht war er nur ein paar Meter in den Wald, um zu pinkeln. Alina ist ja gleich zu uns gerannt. Sie hat somit gar nichts gesehen. Was soll er denn hier im Wald? Wahrscheinlich ist er bereits zurück“, meinte der kleinere von den beiden.
„Was willst du ihm sagen, wenn er doch am Platz ist?“
Der Bärtige kratzte sich. „Was soll ich ihm sagen? Es geht einfach nicht anders, verstehe das doch. Es tut mir leid für ihn. Doch irgendwann ist die Grenze erreicht und Schluss und das ist heute. Aber erst nach der Vorstellung“, sagte der Bärtige.
„Los, wir gehen“, befahl der Langhaarige.
„Und wenn er nicht da ist?“
„Dann übernimmst du“, sagte der Landhaarige.
Kurz darauf drehten die beiden Männer um und verließen den Wald wieder. Hannes atmete erleichtert auf, blieb aber hinter dem Holzstapel, bis er den Motor hörte und sich das Auto entfernte. Vorsichtig schaute er nun auf die Hütte. War dort dieser Patrick eingedrungen? Lebte er dort? Was versteckte er? Bevor Hannes über das dubiose Geschäft spekulieren konnte, öffnete sich die Tür und ein alter Mann in einer kunterbunt karierten Latzhose verließ die Hütte. Hannes huschte wieder hinter die Ster Holz, als der alte Mann das Vorhängeschloss wieder außen anbrachte und den Schlüssel drehte. Er sah den Mann nur von hinten. Der Kopf war kahl. Dieser Patrick wohnte tatsächlich in der Hütte, überlegte Hannes.
Der alte Mann hatte eine Plastiktüte in der Hand, setzte sich auf den Baumstamm an der Seitenwand der Hütte und zog eine Perücke heraus. Rote Haare. Erst jetzt sah Hannes das geschminkte Gesicht des Mannes. Er war wie ein Clown bemalt. Die Perücke – eine Clowns-Perücke. Hannes assoziierte das sofort mit Stephen Kings „Es“, weshalb sich ihm beinahe der Magen umdrehte. Fast perfekt. Dieser Patrick ließ die zwielichtigen Gestalten nicht im Stich, überlegte Hannes. Sonst wäre er nicht in Verkleidung hier. Er hielt seine Hand vor den Mund, damit kein Laut entwischen konnte. Diese ganze Situation war ihm zu spannend. Die Vögel waren immer noch verstummt, bemerkte Hannes, was ihn zusätzlich beunruhigte.
Von einem leisen Schluchzen wurde Hannes abgelenkt. Es war der alte als Clown geschminkte Mann, der noch immer auf dem Baumstamm saß. Aber er hatte nun die Rothaarperücke über den Kopf gezogen. Ein Clown im Wald. Welch groteske, absurde Situation. Normal war das nicht. Was tun, überlegte Hannes. Er konnte nicht mal das Handy ziehen und die Polizei anrufen, ohne dass der Clown das bemerken würde. Und was sollte er der Polizei sagen? Dass ein Clown im Wald sitzt und heult? Doch als fühlte sich sein Smartphone angesprochen, ging der Klingelton für eingehende Nachrichten los. Hannes zog es aus der Tasche und schaltete es sofort aus.
„Kommen Sie ruhig her“, rief der Clown. „Ich beobachte sie schon den ganzen Vormittag. Sie sind ein fleißiger Mann. Keine Angst, ich tue ihnen nichts“, sagte der Clown.
Das konnte ja jeder behaupten, dachte Hannes, verließ aber doch sein Versteck und zeigte sich dem Clown.
Dieser winkte ihn näher heran.
„Keine Scheu. Ich bin harmlos. Nicht einmal mehr lustig“, sagte der Clown.
Hannes verzog seinen Mund zu einem angedeuteten Lächeln. Was sollte er sagen?
„Sie erkennen mich nicht? Mich, den großen Palino? Wenn nicht einmal mehr deine Generation mich erkennt, dann bin ich tief gefallen“, sagte der Clown und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.
Hannes schwieg.
„So groß war ich eigentlich nie“, sagte der Clown. Er streckte seine Hand in Hannes Richtung.
„Darf ich mich vorstellen, Patrick Lino im richtigen Leben, Palino, eine Zusammensetzung meiner Namen als Künstlername. Der große Palino. So wurde ich in jeder Vorstellung angekündigt. Doch so groß war ich zum einen nie, zum anderen wer interessiert sich noch für einen tollpatschigen Clown, wenn die sozialen Medien alles realer, schneller und kostenlos bringen?“
„Doch, ich erinnere mich an Sie. Seit meiner Kindheit haben Sie jedes Jahr einen Auftritt am Marktplatz“, log Hannes. Er hatte das Gefühl, dem traurigen alten Mann eine Freude bereiten zu müssen. Er wollte ihm eine Freude bereiten. Der Clown tat ihm leid.
„Heute trete ich zum letzen Mal auf. Dann kann ich gehen. Wissen Sie, junger Mann, man kann durchaus im Zirkus Geld verdienen, wenn man für einen großen Zirkus arbeitet. Ich aber komme aus einem Familienzirkus. Wenig Verdienst, dafür Kost und Logis frei. Den ganzen Sommer über auf Tour, im Winter durfte ich in einem alten Wohnwagen leben. Ich gehörte ja zur Familie. Meine Eltern hatten schon für den Zirkus gearbeitet. Ich wurde in das Leben sozusagen hineingeboren. Als meine Eltern starben, blieb ich. Wohin hätte ich gehen sollen? Nur je moderner, je digitaler die Welt wurde, desto uninteressanter wurden die Zirkusse. Die Familie im Stich lassen? Nein. Hier gab es schon immer mehr Zusammenhalt als in irgendwelchen anderen Familien. Dachte ich jedenfalls. Jeder von uns war einverstanden, noch weniger Geld für die Auftritte zu bekommen. Im Winter bettelten wir an den Supermarktparkplätzen um Geld. Die Tiere hatten Hunger, wir brauchten Futter. Das meiste Geld ging für die Sozialversicherungen drauf. Rente? Ich? Da war ich dann kein Familienmitglied mehr, sondern Freiberufler. Ich habe bis auf die ersten Jahre nie eingezahlt. Konnte mir das nie leisten“, erzählte Palino. Er nahm die Perücke ab, ordnete die Kunsthaare.
„Nun habe ich nicht nur meine Familie verloren, sondern auch mein Zuhause. Heute ist mein letzter Auftritt. Heute muss ich gehen, haben sie gesagt. Ich muss meinen Wohnwagen verlassen. Sie brauchen ihn selbst. Sie können sich kein Personal mehr leisten und ganz sicher brauchen sie keinen Clown mehr. Ich bin ihnen egal. Ich war nie ein richtiges Familienmitglied. Das weiß ich jetzt. Ich habe auf alles verzichtet, habe ihnen so viel gegeben und nun werde ich wie ein nutzloses Tier entsorgt, werde auf die Straße gesetzt. Ja, ich bin davon gelaufen. Ich hatte entschieden, diese Abschiedsvorstellung nicht mehr zu geben. Wer weiß, was passiert? Ein kleiner Unfall? Damit man nicht als Ausbeuter gesehen wird und einen schlechten Ruf bekommt? Schließlich könnte ich ja reden. Ja, ich weiß, das sind schlimme Anschuldigungen und es gibt keine Beweise dafür. Das sind alles meine Gedanken, meine Sorgen, meine Angst. Aber erst seit ich weiß, wie wenig ein Mensch zählt. Wie schnell er unnütz wird, wenn er keine Leistung mehr bringt. Wenn ein Mensch nicht mehr gebraucht wird“, erzählte Palino. Eine kurze Pause entstand.
„Mein Hab und Gut ist in der Plastiktasche, ein paar Sachen habe ich in der Hütte versteckt. Ich bitte Sie um Verschwiegenheit. Lassen Sie mir die Hütte über den Winter. Verraten Sie mich bitte nicht“, bettelte der alte Mann.
Hannes schluckte und schüttelte den Kopf.
„Hier können Sie nicht bleiben. Die Hütte ist nicht isoliert. Sie holen sich den Tod“, sagte Hannes.
„Ich bin doch schon mehr tot als lebendig“, sagte der Clown.
Was tun? Hannes grübelte, wie er dem Mann helfen konnte. Seine Ängste waren unbegründet, davon war Hannes überzeugt. Aber er erkannte, wann Holz morsch war, wenn es nur noch oberflächlich stark wirkte, die Wurzeln aber keinen Halt mehr hatten. Daran erinnerte ihn der alte Mann. Er war gebrochen. Er würde umstürzen. Es war nur eine Frage der Zeit. Für Tiere gab es einen Gnadenhof und jeder fand den Einsatz für diese Tiere gut. Wo blieb das Mitleid mit den Menschen? Mit denen, die ihr Leben lang gearbeitet hatten und doch zu wenig verdienten, um auch im Alter gesichert zu sein? Wo sollten diese vielen Künstler und geringfügig verdienende Freiberufler leben, wenn sie ihren Beruf nicht mehr ausüben konnten? So viele Sozialwohnungen gab es gar nicht und das Leben musste auch bezahlt werden.
Der Clown setzte seine Perücke auf. „Junger Mann, zum letzen Mal wird Palino eine traurige Gestalt abgeben“, seufzte Palino und stand auf.
Die Vögel zwitscherten wieder. Auch Hannes verließ kurz darauf den Wald. Er hatte es eilig, nach Hause zu kommen. Neben seiner großen Fahrzeughalle stand eine kleinere, die fast leer war. Dort wollte er Unterkünfte schaffen und Palino sollte ihm helfen. Bis dahin konnte er bei ihnen im Ferienhaus leben, Kost und Logis frei. Palino und andere Künstler, die altersbedingt auf dem Abstellgleis waren, sollten den vor allem jungen Feriengästen mit ihrem Können ein besonderes Erlebnis schaffen.
Nur wenige Besucher waren zum Zirkus gekommen. Die Vorstellungen waren längst nicht mehr ausverkauft. Palino verneigte sich zum letzen Mal. Als seine „Familie“ ihn vor allen Leuten verabschiedete, hatte der Clown wieder Tränen in den Augen. Er stand gebeugt, als er Hannes mit einem Schild in der Hand sah. „Mit Palino durch die Ferien“ stand drauf. Der alte Mann war verwundert und als Hannes ihn in der Manege abholte und von den Plänen erzählte, leuchteten die Augen des alten Mannes. Aus dem „letzen Mal“ wurde ein „erstes Mal“. So verzweifelt eine Situation auch scheint, es gab immer einen anderen Weg.
Foto und Text Copyright: Frankengedanken
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