Rollentausch

Foto KI erstellt

Noch immer piepste es im ganzen Zimmer. Die Geräte führten ihre Arbeit zuverlässig aus. Lina atmete regelmäßig, wurde mit den wichtigsten Mineralstoffen versorgt. Doch Lina hatte immer noch ihre Augen geschlossen und für einen Moment fühlte sich Ulla in ihre Kindheit zurückversetzt, denn ihre kleine Schwester wirkte so hilflos und zerbrechlich in dem weißen Krankenbett wie die kleine Ida von Michel aus Lönneberga.
Lina war wie ihre Namensvetterin ein braver Menschentyp. Sie hatte für alles Verständnis, für jedes Fehlverhalten eine Entschuldigung. Lina fühlte sehr intensiv und war zugleich naiv. Genau das waren einerseits ihr Fehler und andererseits der Grund, warum sie nach der gescheiterten Beziehung hier auf der Intensivstation landete. Lina glaubte zu sehr an das Gute im Menschen, konnte sich nicht vorstellen, dass Menschen logen und sich verstellten, um einen Vorteil zu erhaschen. Dabei ging es nicht um Geld. Der Scheißkerl wollte Lina als Abwechslung, wollte sie als Trophäe in seiner Sammlung, denn Linas Gesicht wirkte unschuldig und das war für manche Herren anziehend.
Ulla drückte Linas Hand fest. Seit zwei Stunden saß sie schon neben dem Bett, erzählte ihrer kleinen Schwester von früher, betete still und hoffte, dass sie endlich aus dem Koma erwachen würde. Nachdem sie von dem Mistkerl lange genug ausgenutzt und benutzt worden war, hatte er keinen feinen Schlussstrich gezogen. Nein, er hatte ihre kleine Schwester öffentlich denunziert und bloßgestellt.
„Jeder lacht über mich. Ich kann mich auf der Arbeit nicht mehr sehen lassen. Er hat Fotos von mir manipuliert. Ulla! Wenn du das sehen könntest…. Ich werde mit spöttischen und gehässigen Nachrichten bombardiert. Ich kann nicht mehr!“
Das waren die letzten Worte gewesen, die Ulla von ihrer kleinen Schwester gehört hatte. Sie hatte hastig, keuchend gesprochen, hatte so verzweifelt geklungen. Und doch anders als sonst, wenn Lina Kummer hatte. Es klang resigniert und endgültig. In Ulla hatten sämtliche Alarmglocken gleichzeitig geschrillt und so schnell sie konnte, hatte sie ihre Arbeit verlassen und war zu Lina nach Hause gefahren. Seit dem Unfalltod ihrer Eltern hatten die beiden Frauen nur noch sich als Familie.
Sie hatte Lina bewusstlos aufgefunden. Ein Medikamentencocktail war dafür verantwortlich gewesen, hatten die Ärzte gesagt. Ulla war gerade rechtzeitig gekommen, sodass Lina noch geholfen werden konnte. Sie hatte überlebt und doch weigerte sie sich zu leben, denn seither lag sie im Koma und jeder noch so sanfte Lebensimpuls, der sich an Lina sichtbar zeigte, wurde von ihr wohl wieder unterdrückt.
„Ich brauche dich, Lina. Bitte wach doch wieder auf. Wer soll sonst meine Texte mit mir einüben? Ich verspreche dir, dass ich dich künftig besser vor der Welt beschütze“, flüsterte Ulla ihrer Schwester ins Ohr. Vergeblich. Lina blieb regungslos.
„Ich muss jetzt gehen, muss mich noch vorbereiten. Ich spiele heute Abend nur für dich. Drück mir die Daumen, dass es gelingt, dass ich meinen Text fehlerfrei sprechen kann. Hab dich lieb, Lina“, sagte Ulla, während sie ihre Jacke anzog.
Auf dem Weg auf dem Flur, klopfte Ulla noch am Schwesternzimmer und bat, ihrer Schwester heute Abend den Fernseher einzuschalten. Sie würde das Theaterstück sehen wollen, wenn sie ansprechbar wäre. Ulla hoffte, dass irgendein Mosaikstein ausschlaggebend für Linas Genesung wäre. Dass sie wieder Lebensmut schöpfte und langsam zurückkäme.

„Wo bleiben Sie denn, Ulla!“, rief Marian schon von Weitem. Er war der Mann für alles. Sorgte für die Kostüme, organisierte das Bühnenbild und verschwand dann während der Vorstellung „unter der Erde“, um seinen Darstellern als Souffleur wieder ins Skript zu verhelfen. Das Theater „Harte Kante“ war für seine Polittheaterstücke, mal ernst, mal satirisch, mal komödiantisch aufbereitet, bekannt.
Doch das heutige Stück war ein Geburtstagsgeschenk für die Landrätin. Ein romantisches Stück sollte es sein und jeder in der Truppe fragte sich, warum? Waren da finanzielle Mittel an die Leitung geflossen? Der Titel „Rollentausch“ ließ nur Vermutungen zu.
„Er will damit um sie als Frau für sein Leben werben“, hatte Fabian erklärt. Er war der Mann, der in dem Stück für Ulla werben sollte. Sie spielte die Landrätin und obwohl das Stück eigens für sie aufgeführt wurde, so war es nicht die Hauptrolle. Ulla war ohnehin bei jedem Auftritt übernervös. Heute noch mehr, denn das Fernsehen war dabei, weil es sich um eine Uraufführung und den Geburtstag der Landrätin handelte.

„Keine Sorge, Ulla. Es geht alles gut. Ich geh dann mal runter und bin bei jeder Zeile bei dir“, sagte Marian, schnappte sich das Theaterstück und ging zu seinem Kasten.
„Übrigens, Tom ist erkrankt. Die Rolle des Hollenbergs übernimmt Guido. Nicht erschrecken, wenn ein anderer Mann vor dir steht, wenn du dich dann umdrehst, weil die Landrätin ihn begrüßt. Du weißt schon, welche Stelle ich meine“, sagte Marian.

Das Stück verlief reibungslos und war inzwischen an der besagten Stelle angelangt.

Es klopfte an der Tür. Ulla, als Landrätin, drehte sich um, als Hollenberg die Bühne betrat. Wie zu einer Salzsäule erstarrte Ulla, als sie der unbekannten Vertretung für Tom ins Gesicht schaute.

„Ah, Sie sind Herr Hollenberg. Der Mann, der unser kleines Städtchen mit einer großzügigen Finanzspritze rettet“, flüsterte Marian Ulla zu.

Doch Ulla blieb stumm, starrte den Mann mit finsterem Blick an. Marian wiederholte den Satz. Als Ulla noch immer kein Wort sprach, zischte er ihr den Satz ganz verzweifelt entgegen und klammerte das Buch so fest, dass die Seiten knitterten.

Ulla räusperte sich.

„Sie sind also Guido. Der Mann, der jungen Mädchen den Kopf verdreht. Der sie glauben lässt, dass sie unsterblich verliebt sind. Sie sind der Narzisst, der die Hilflosigkeit und Naivität der jungen Frauen ausnutzt und die Mädchen benutzt, sie eiskalt dazu bringt, zunächst ihren Stolz zu opfern und sie dann überall so bloßstellt, dass sie nur noch einen Ausweg sehen. Sie sind der Eiskönig, der nun ausgespielt hat…“

In Sekundenschnelle waren ein paar Kollegen auf der Bühne und zogen Ulla weg. Der Vorhang senkte sich.

Was hatte sie sich dabei gedacht? Bei der Uraufführung einen Mann vor aller Welt als Zeugen schlechtzureden? Er würde sie anzeigen, war sich Ulla sicher. Und doch konnte sie in dem Moment nicht anders, als sie erkannte, dass dieser Guido der Mensch war, der ihre kleine Schwester so weit in die Tiefe gezogen hatte.
Wenn sie viel Glück hatte, würde von einer Anzeige abgesehen werden, wenn sie diesen Ausbruch als psychische Störung darstellen würde. Ihre Theaterkarriere war dahin, das war Ulla klar.

Ihr Handy klingelte. Es war die Stationsleiterin aus dem Krankenhaus. Lina sei erwacht, genau in dem Moment, als Ulla Guido vor laufenden Kameras identifiziert hatte und seine Handlungen auffliegen ließ.

Aber nicht nur bei ihr klingelte das Telefon. Auch im Theater und bei der Polizei gingen weitere Anzeigen von geschädigten jungen Frauen ein.

Der Titel „Rollentausch“ war vielleicht ganz gut gewählt, überlegte Ulla, als sie zum Auto rannte, um ins Krankenhaus zu fahren. Jetzt endlich war der Täter nicht mehr als Opfer geschützt. Jetzt nahm die Gerechtigkeit ihren Lauf und wenn es für etwas gut war, dann vielleicht dafür, andere verliebte junge Frauen zu sensibilisieren und für ihren eigenen Wert einzustehen.


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