
„Ist doch auch schon egal.“ Diese fünf Wörter waren nicht nur Marisas Antwort auf Linneas unentwegten Erzähldrang, mit dem sie eigentlich nur ihre Unsicherheit kaschieren wollte. Diese fünf Wörter drückten zugleich ihr gesamtes Leben aus. Hoffnung, Verletzung, Freude, Trauer und totale Resignation.
Marisa seufzte, während ihre kleine Schwester Linnea ohne Punkt und Komma Linda, die Erzieherin in der Ferienbetreuung vollquasselte.
„Nächste Woche sind wir nicht mehr hier. Wir kommen wieder in eine Pflegefamilie. Unsere Großeltern dürfen uns nicht mehr haben. Sie sind zu alt. Bist du auch schon alt?“, fragte Linnea.
Linda wog den Kopf hin und her. Sie wusste, dass die beiden Mädchen nächste Woche ihre Koffer packen und ihre Großeltern verlassen müssen. Zu alt für die beiden Mädchen, hatten die Ämter beschlossen und eine Pflegefamilie gesucht. Linda wusste auch, dass es eine Bedingung gab: Die beiden Schwestern sollten zusammenbleiben dürfen. Was für Außenstehende rührend und verantwortungsvoll klang, war für Linda der Beweis des Behördenversagens. Sie wussten, wie wichtig der Zusammenhalt der Geschwister war. Warum wurde dann trotzdem eine Familie noch weiter zerstört, in dem ein acht- und ein fünfjähriges Mädchen von ihren geliebten Großeltern getrennt wurden?
Musste der Familie noch mehr Schmerz zugefügt werden? Litten die Mädchen nicht schon unter dem unerwarteten Unfalltod ihrer Mutter vor vier Jahren? Trauerten die alten Leute seitdem nicht schon genug um ihre damals plötzlich verstorbene Tochter? Linda wusste, wie sehr sie sich mit Vorwürfen und Schuldgefühlen belasteten, da sie nicht einmal über Kerstins Lebensumstände informiert waren. Katharina und Jakob waren immer von Erziehungsfehlern ausgegangen, warum ihre Tochter Kerstin den Kontakt abgebrochen hatte. Dass sie in einer toxischen Beziehung gefangen gewesen war und sich nach der Trennung als Alleinerziehende durch das Leben geschlagen hatte, hatten sie erst langsam durch Marisas Erzählungen erfahren. Und was davon wirklich war und was Marisa in verschwommene Erinnerungen interpretierte, war ebenfalls unbekannt. Jedenfalls schien Kerstin übermüdet gewesen zu sein, als sie zur Nachtschicht fuhr. Ein Sekundenschlaf hatte ihr das Leben gekostet, hatten die Beamten damals Katharina und Jakob erzählt. Die beiden kleinen Mädchen waren in eine Pflegefamilie geworfen worden, wo sehr strenge rigide Regeln den Tagesablauf geprägt hatten.
Es hatte ewig gedauert, bis die Behörden des einen Bundeslandes mit denen des anderen zusammengearbeitet hatten und die Großeltern ihre beiden Enkelkinder zu sich holen durften. Auch wenn die beiden gesundheitlich eingeschränkt waren, so hatten sie Marisa und Linnea mit Liebe überschüttet. Bis es vor wenigen Wochen einen Mitarbeiterwechsel im Amt gab, der mit dem Schlagwort „Kindeswohl stehe an erster Stelle“ beschlossen hatte, die Großeltern von „der Last“, so hatte er es genannt, der Kinder zu entbinden. Eine Bekannte von ihm war zufällig Pflegemutter und würde die beiden Mädchen nehmen, sodass sie zusammenbleiben könnten.
Nicht nur für Katharina und Jakob brach eine Welt zusammen. Die beiden Mädchen waren verzweifelt, von ihren geliebten Großeltern weggerissen zu werden. Und nun wollte Linnea wissen, ob sie auch schon alt sei? Für Kinder waren Erwachsene alt. Genau deshalb verstanden sie nicht, warum sie von den Großeltern weg mussten und zu anderen „Alten“ kamen. Was sollte sie dem Mädchen antworten? Linda schwieg und lächelte milde.
„Wir waren schon mal bei Pflegeeltern. Die waren richtig pfui“, plapperte Linnea.
„Sie haben Marisa gezwungen, alles aufzuessen, obwohl es nicht geschmeckt hatte. Wenn sie es nicht gehorcht hatte, hatte sie eine Woche lang kein Abendessen bekommen. Stimmt`s Marisa?“
Marisa schwieg.
„Ich war noch ein Baby. Aber wenn ich die Flasche nicht leergetrunken hatte, hatte ich auch keine Flasche mehr bekommen, hat Marisa erzählt. Dann habe ich die ganze Nacht gebrüllt und bin in ein anderes Zimmer gebracht worden, damit es niemand mehr hörte. Stimmt`s Marisa? So hast du es mir erzählt.“
„Ist doch auch schon egal“, sagte Marisa, während sie die Fotos ausschnitt.
Wegen Marisa, die bereits die Schule besuchte, durfte Linnea mit zur Ferienbetreuung. Linnea genoss das und tupfte gerade den Pinsel in den Leimtopf, um damit die gepressten bunten Herbstblätter zu bekleben. Diese würden das Deckblatt eines kleinen Fotoalbums zieren. Linnea und Marisas Geschenk für ihre Großeltern.
Linnea hatte das gelbe Buchenblatt gerade fest gedrückt, als sie in Tränen ausbrach.
„Kannst du uns nicht helfen? Wir möchten bei unserer Oma und unserem Opa bleiben. Stimmt`s Marisa?“
„Ist doch auch schon egal“, meinte Marisa resigniert.
Für drei Sekunden schloss Linda die Augen, um den stummen Schrei in Marisas Blick nicht mehr sehen zu müssen. Wie konnte sie den Mädchen helfen? Gar nicht. Das System sieht es so vor. Die Behörden haben entschieden. Sie beschlossen, was Kindswohl ist und diese Entscheidung lautete „weg von den alten Großeltern.“
Wie auf Knopfdruck wechselte Linnea das Thema.
„Gestern ist meine Erzieherin wieder gestolpert. Das passiert ihr immer, wenn sie aus ihrer Thermoskanne einen Schluck Tee braucht. Sie hat wohl Halsschmerzen, weil sie öfter einen Tee trinkt“, erzählte Linnea weiter.
„Aber sie riecht danach immer so komisch. Der Tee schmeckt bestimmt nicht gut. Wahrscheinlich ist es Medizin. Medizin schmeckt oft nicht gut. Stimmt`s Marisa?“, fragte Linnea ihre ältere Schwester.
„Das ist keine Medizin. Das ist Alkohol. Das hat Nicos Mutter unserer Oma erzählt“, schimpfte Marisa ihre kleine Schwester.
„Hat darüber schon jemand die Leitung informiert?“, fragte Linda
„Chira ist die Leitung“, antwortete Marisa achselzuckend.
„Bekommt sie dann Ärger?“, fragte Linnea.
„Wie soll sie Ärger bekommen, wenn sie die Leitung ist? Außerdem ist das doch auch schon egal“, meinte Marisa tonlos.
Schlagartig wurde Linda bewusst, warum sie Marisas Satz so triggerte. Ist doch auch schon egal, hatte ihr kleiner Bruder Josua gesagt, als er gemobbt wurde. Von genau der Leiterin, die wohl Alkoholprobleme hatte. Lass dir das nicht gefallen, hatte Linda ihn immer wieder versucht, zu ermutigen.
„Sie sieht dich als Konkurrenz und die will sie nicht im Haus haben. Du hast ein abgeschlossenes Pädagogikstudium. Du würdest schnell die Leitung übernehmen dürfen. Ihre Vorwürfe an dich, sind nur ein Vorwand, um dich klein zu halten. Damit ihre Sucht, ihr Verhalten und der Druck an das ganze Team nicht auffallen“. Das hatte sie ihrem Bruder immer wieder gesagt. Linda hatte ihn auch ermutigt, Anzeige zu erstatten. Wegen übler Nachrede. Nur weil Josua sich für Männer interessierte, war ihm eine pädophile Neigung angedichtet worden, wenn er die Kinder tröstete, weil sie von der Schaukel gefallen oder sich die Knie aufgeschürft hatten.
„Ich bin fertig. Schau, Linda, ist mein Fotobuch schön geworden?“
Anerkennend nickte Linda mit dem Kopf.
„Das Deckblatt ist dir großartig gelungen“, lobte Linda.
„Schreibst du Liebe Oma und Lieber Opa auf den Deckel, Marisa?“ bat Linnea.
„Ist…doch…“ Endlich weinte Marisa.
„Nein. Das ist nicht egal. Überhaupt nicht egal und es ist auch nicht in Ordnung! Da ist ein Fehler im System“, rief Linda, lief zu den beiden Mädchen und umarmte sie. Noch heute würde sie Unterschriften sammeln, würde die Medien informieren. Wenn zwei Kinder von den liebevoll umsorgenden Großeltern genommen wurden, wenn ein Pädagoge aus Konkurrenzdenken und aufgrund Vorurteilen abgelehnt und gemobbt wurde, aber Suchtkranke und psychisch kranke Erzieherinnen aus Personalmangel ungehindert arbeiten und somit Missstände, Zwang und Vernachlässigung geduldet und unter einen Deckmantel des Schweigens gehüllt wurden, dann ist es ein Fehler im System, aber garantiert nicht zum Wohl der Kinder.
Text (c) Frankengedanken / Petra Malbrich
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