
„Du musst etwas trinken. So geht das nicht weiter, Tante Klara“, schimpfte Bettina, als ihre Tante das Glas Wasser wieder nicht anrührte.
„Wenn du nicht bald trinkst, dehydrierst du. Gerade bei dieser Hitze. Willst du ins Krankenhaus? Sicher nicht. Also hör auf, so unvernünftig zu sein. Das würde Onkel Dieter nicht wollen“, sagte Bettina, erneut erfolglos.
Klara saß apathisch in ihrem Sessel. Nur das ständige Augenwischen zeigte, dass sie noch am Leben war. Ununterbrochen starrte sie auf den Teppich, als wären dort Rätsel versteckt, die sie lösen musste.
Dieter hätte das doch nicht so wörtlich nehmen müssen. Wie in Dauerschleife lief dieser Satz in Klaras Gedanken. Sie hatte sich mal wieder über ihn geärgert, denn er war schon sehr träge. Saß lieber im Sessel und blätterte in der Zeitung, statt sich nützlich zu machen. Freilich war alles sauber geputzt. Mit nützlich machen meinte Klara eigentlich, er hätte sich mit ihr unterhalten können. Dieter war leider recht wortkarg. Ein Eigenbrötler, würde man heute sagen. Ja, das wusste sie, aber nicht wie sich das nach vielen Jahren in der Realität anfühlen würde.
Einsam fühlte sie sich. Einsam und allein gelassen. In ihrer Wut, weil er wieder nicht geantwortet hatte und stumm die Zeitung umgeblättert hatte, wünschte ihm Klara, beim nächsten Gewitter aufzustehen und noch vor dem Blitz tot umzufallen. Tags drauf donnerte und regnete es. Dieter stand auf, um das Fenster zu schließen, doch kaum stand er, fiel er um und war tot.
Klara schüttelte den Kopf, rieb mit dem zerknüllten Taschentuch wieder über ihre rot verquollenen Augen. Dieter war schon längst beerdigt, doch Klaras Schuldgefühle blieben hartnäckig. Immer wieder sagte sie sich, dass Gott nicht einfach Wünsche erfüllte, vor allem niemals, wenn es Wünsche waren, die anderen schadeten. Doch nun war genau das passiert. Klara würde nie wieder beruhigt leben können. Bis ans Lebensende hatte sie sich schuldig gemacht und darüber hinaus. In der Hölle würde sie schmoren. Eine grausige Vorstellung, die Klara wieder die Tränen in die Augen trieb.
Dass es klingelte, entging Klara wie so vieles andere auch.
„Schön dass du da bist, komm bitte herein. Lass die Schuhe an“, sagte Bettina und trat mit einer Frau ins Wohnzimmer.
„Tante Klara. Darf ich vorstellen. Das ist Adria, ein Medium. Sie wird nun mit Onkel Dieter Kontakt aufnehmen. Du wirst hören, dass es ihm gut geht. Das wird dir helfen, wieder normal weiterzuleben“, erklärte Bettina.
„Das brauche ich nicht“, sagte Klara und schüttelte den Kopf. Doch energisch war etwas anderes. Adria hatte unterdessen die Vorhänge zugezogen, den Tisch abgeräumt, ihre Utensilien aufgebaut und war kurz darauf schon nicht mehr ansprechbar.
Sie schaukelte unmerklich auf dem Stuhl. Leicht nach vorne, wieder zurück. Immer wenn sie ihren Kopf nach hinten bog, murmelte sie etwas. Die Augen waren die ganze Zeit geschlossen.
„Dieter war verärgert. Sie hatten Streit! Er trug ein beiges Hemd, kurzärmelig“, sagte Adria, ohne die Augen zu öffnen. Sie lauschte angestrengt. Dann hob sie abwehrend die Hand. Keine Unterbrechung, sollte das heißen. Sie wiederholte ein paar Worte, die weder Klara noch Bettina verstehen konnten. Aber immerhin hatte die Séance ihre Wirkung erzielt, denn Klara weinte nicht mehr, sondern saß aufrecht im Sessel und lauschte der Stille, in der Hoffnung, ebenfalls Dieters Stimme zu hören.
Mittendrin riss Adria ihren Mund weit auf.
„Es war Mord, sagt Dieter.“
„Nein. Das war kein Mord. Ich hatte ein paar Tage zuvor gewünscht, er würde beim nächsten Gewitter tot umfallen. Ich konnte nicht ahnen, dass das passiert“, rief Klara entsetzt.
„Aber das war kein Mord. Ich habe ihm kein Haar gekrümmt“, rief Klara weiter.
Wieder gestikulierte Adria, wischte mit der ausgestreckten Hand jede weitere wörtliche Einmischung beiseite.
„Ich sehe einen Grabstein, mitten auf der Wiese“, sagte Adria. Die Beschreibung der Wiese passte haarklein zu Dieters Lieblingsplatz. Das war der Weg, den er zu seiner Kartenrunde lief.
„Dieter weint!“ Adria sagte das so tonlos, dass Klara Gänsehaut bekam.
„Warum weint er denn? Geht es ihm nicht gut? Bettina“, sagte Klara und drehte sich zu ihrer Nichte um. Eigentlich war sie gar nicht ihre richtige Nichte. Sie war ein Nachbarskind, das keine Großeltern mehr hatte und bei Klara und ihrem Mann immer versorgt wurde, wenn Bettinas Eltern keine Zeit hatten. Von klein auf sagte Bettina Tante zu Klara und für sie fühlte es sich wie eine enge Verwandte an. Wie ihr eigenes Kind hatten sie Bettina versorgt und behütet.
„Bettina“, rief Klara nochmals. „Du sagtest, es würde mir dann gut gehen“, sagte Klara.
„Es geht mir nicht gut, es geht mir sehr schlecht. Jetzt werde ich auch noch des Mordes beschuldigt?“
Klara weinte erneut.
„Frag meinen Onkel bitte, wie er umgebracht wurde“, bat Bettina das Medium.
Adria nickte, versetzte sich wieder in Trance und wartete auf Zeichen.
Wenige Minuten später stand Adria auf, strich sich den langen Rock glatt und zog die Vorhänge wieder auf.
„Die Sitzung ist beendet. Dieter sagte, sie hätten ihn geschubst, als er während des Gewitters das Fenster schließen wollte.“
Klara schüttelte den Kopf.
„Ich war doch gar nicht in seiner Nähe“, meinte die alte Frau schüchtern.
„Dieter betonte aber, dass es ihm gut gehe. Ich solle Sie herzlich grüßen. Es sei ihm noch nie so gut gegangen wie jetzt und Sie sollen sich keine Schuldgefühle einflößen lassen. Es hatte niemand Schuld. Er wurde geschubst und ist deshalb gestürzt. Wahrscheinlich sind Sie gestolpert, auf ihn gefallen und Ihr Gewicht hatte ihn ins Wanken gebracht, sodass er umfiel und sich das Genick brach“, erklärte Adria.
„So wird es gewesen sein, Tante Klara“, meinte Bettina und strich ihrer Tante mitfühlend über den Arm.
Klara schüttelte weiterhin den Kopf. Sie hatte ihm Böses gewünscht. Drei Tage zuvor. Doch als es gewitterte, stand sie nicht auf, sie war nicht geschwankt und nicht auf Dieter gefallen. Sie war überhaupt nicht in seiner Nähe. Dabei blieb Klara.
„Er ist beerdigt, er ruht in Frieden, er gibt Ihnen keine Schuld und er liebt sie. Das sollte ich noch ausrichten“, fügte Adria an.
„Ah, bevor ich es vergesse. Er meinte, als Buße sollten Sie 10 000 Euro an das Netzwerk Witwer in Not spenden“, sagte Adria.
Witwer in Not? Klara hatte noch nie davon gehört. Bevor sie fragen konnte, reichte ihr Bettina das Handy, damit Klara die Einrichtung am Display begutachten konnte.
„Die Einrichtung kenne ich. Dort ist das Geld gut aufgehoben. Da war Onkel Dieter zwischendurch, wenn er einem Witwer Gutes tun wollte“, erklärte Bettina. Der fragende Blick ihrer Tante ließ sie weiterreden.
„Die er beim Kartenspiel kennengelernt hatte“, fügte Bettina erklärend hinzu.
Klara nickte. „Das ist das Mindeste, was ich machen kann, auch wenn ich ihn wirklich nicht geschubst habe“, sagte Klara mit zittriger Stimme.
„Keine Sorge. Wir verraten nichts. Es wird niemand erfahren. Onkel Dieter war alt und ein Herzinfarkt ist da keine Seltenheit“, beruhigte Bettina ihre Tante.
„Liebe Frau Adria. Würden Sie so nett sein, sich hier zu mir auf das Sofa zu setzen und meine Hand zu halten? Bettina, mach doch bitte ein Foto von uns beiden. Es wird mir gut tun, die Erinnerung an Dieters Gespräch, dass es ihm gut geht und er alles verziehen hat“, meinte Klara.
Bevor sich Adria und Bettina verabschiedeten, kamen die beiden Frauen Klaras Bitte nach.
Als wäre Klara bei der Nennung des Geldbetrages wieder in die Realität versetzt worden, griff sie zum Telefon und rief ihren langjährigen Bekannten Robert an.
Wie verabredet trafen sie sich drei Tage später an der Bank im Park, dessen Weg zum Heim für Obdachlose führte. Das war die von Medium Adria genannte Adresse.
Klara konnte von der Bank aus beobachten, wie Adria zum Haus lief. Bettina wartete dort bereits. Sie hatte die Tasche mit dem Geld ihrer Tante Klara.
Bettina winkte, die Henkel der Tasche fest im Griff und lachte.
„Das war dieses Mal ein Kinderspiel“, meinte Bettina jubelnd.
Adria kam nicht dazu, eine Antwort zu geben, da Robert auf die beiden Frauen zulief.
„Gestatten, Kolleginnen. Mein Name ist Aram, ich bin ein Medium und mich hat gestern Nacht ein Dieter angerufen, der sich als Ihr Onkel vorgestellt hatte“, sagte Robert, auf Bettina deutend.
„Dieter teilte mir mit, dass er an einer Überdosis Opium starb, das Sie ihm verabreicht hatten. Regelmäßig und an jenem Tag wohl ein paar Tropfen zu viel“, sagte Robert.
Bettina erstarrte, doch Adria reagierte.
„Wie kommen Sie dazu, solche haltlose Beschuldigungen zu äußern. Wir werden Sie wegen Falschaussage, wegen Verleumdung, wegen Rufmordschädigung und sonstigem anzeigen“, schimpfte Adria.
„Sehen Sie, das hat keinen Sinn. Ich habe hier ein Bild von Dieter bekommen, das sind Sie, Adria und eine Klara, Dieters Frau. Die Rechtsmedizin hat das Grab öffnen und den Leichnam untersuchen lassen. Dieter hat die Wahrheit gesagt“, meinte Robert.
Bettina verdrehte die Augen.
„So ein Unsinn. Das Grab öffnen lassen. Das hätte meine Tante schon erzählt. Dieser alte Geizkragen. Gut, Sie sind Kollege, sagten Sie? Wir haben 10 000 ergattert. Wie viel wollen Sie?“, fragte Bettina.
„Wollen? Geld?“, fragte Robert.
„Ja. Wie viel Geld wollen Sie, damit Sie uns nicht verraten?“
„Dass Sie Ihren Onkel umgebracht haben?“
„Ja. Aber bleiben Sie auf dem Boden. Wir haben erst mal nur wenig Spende bekommen. Es ist aber noch mehr da“, sagte Bettina.
Robert schüttelte den Kopf.
„Das werte ich als Geständnis und verhafte Sie beide hiermit wegen Mord an Dieter“, sagte Robert und zeigte seinen Dienstausweis, während die Beamten der Streife bereits vor Ort angekommen waren, um die beiden Frauen festzunehmen.
Klara war näher gekommen. Sie konnte nicht glauben, dass das Mädchen, das sie einst wie ihre eigene Tochter verwöhnt hatte, sie so hintergangen hatte.
„Ich hatte einen bösartigen Wunsch laut ausgesprochen. Einen Wunsch, der mir aus Wut und Verzweiflung über die Lippen gekommen war. Eine Aussage, die ich bis an mein Lebensende bereue. Aber eure Jenseitskontaktgeschichten? Das ist ein ganz dreckiges Geschäft. Niemand kann Kontakt zu Verstorbenen aufnehmen. Niemand. Das ist nur Geld aus der Tasche ziehen. Auch wenn ich nicht ohne Schuld bin – hierzu fällt mir nur Pfui Teufel ein“, sagte Klara, dankte ihrem Freund Robert, dem Kriminalisten und ging in das Blumengeschäft, um ihren Dieter ein kleines Sträußchen aufs Grab zu stellen.
„Ruhe in Frieden, Dieter. Ruhe, die hast du nun. Aus dem Jenseits brauchst du nicht mit mir zu reden, weil du zu Lebzeiten auch geschwiegen hast“, sagte Klara und ging.
Text: Frankengedanken / Petra Malbrich
Fotos Petra Malbrich, mit KI bearbeitet von Leon Streidel.
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