
Er hieß Alexander, war Mitte 40, in der Blüte seines Lebens und hatte doch schon den Blick auf den Herbst des Lebens gerichtet. Er war ein Erfolgsmensch, ein Macher, dem scheinbar alles mühelos gelang. Immer leger gekleidet, wirkte er dennoch vornehm, wie jemand aus der oberen Etage im Unternehmen. Seine Worte wurden gehört, er wurde geachtet, wenn er auch eher der Typ Kumpel war. Vor allem war er großzügig, spendierte zwischendurch mal ein Essen to go oder stellte einer Kollegin, die geknickt war, Blumen auf den Schreibtisch. So hätte ihn Lupine beschrieben, bevor sie ihn näher kennengelernt hatte. Vor drei Wochen hatte sie sein wahres Gesicht gesehen.
„Hier, für dich“, sagte Alexander, schob mit seiner freien Hand den Aktenstapel auf Lupines Schreibtisch beiseite, damit der Tablett Platz hatte. Eine Tasse duftender Kaffee und ein Butterhörnchen lagen darauf. Lupine schloss die Augen und lächelte. So war Alexander, dachte Lupine dankbar für diesen aufmerksamen Kollegen.
Er schien zu ahnen, wann es ihr nicht gut ging oder wenn sie niedergeschmettert aus der Chefetage kam, weil dem „Großen Doppel F“, wie alle ihren Chef Florian Frohsinn nannten, wieder etwas an ihrer Arbeit auszusetzen hatte. Leider fand sich Lupine nicht wortgewandt genug, um dem Doppel F Kontra zu geben. Und kaum hatte sie mal eine richtig schlagfertige Antwort auf der Zunge, machte er sich über sie lustig oder besser über ihren Namen: Lupine Gärtner.
„Vielleicht sollten Sie Ihrem Namen alle Ehre machen und besser Blumen pflanzen als Bilanzen für Großkunden und Geldgeschäfte. Sie sind zu lau. Wir brauchen mehr Kunden. Dazu braucht es wölfische Schläue und Durchsetzungsvermögen“, meckerte Doppel F mit seinem inhaltlichen Seitenhieb auf Lupines weitere Namensbedeutung, dem Wolf. Es klang fast als kläffte Doppel F und Lupine war nah dran, ein Wolfsgeheul anzustimmen. Das nächste Mal würde sie ihm an die Kehle gehen. Angriff ist die beste Verteidigung, dachte Lupine, nahm mit gesenktem Kopf ihre Unterlagen in die Hände und nuschelte etwas Unverständliches.
„Blödmann“, schimpfte Lupine, als sie ihr Büro wieder betrat. Alexander lehnte bereits am Aktenschrank. Er zeigte wieder sein undefinierbares Grinsen und hatte zugleich seinen verständnisvollen Blick aufgesetzt.
„Lass dich nicht ärgern. Das will er doch erreichen. Er will uns brechen“, sagte Alexander, ging zum Kühlschrank, holte ein Bier heraus und reichte Lupine eine Flasche.
„Jetzt doch nicht“, meinte Lupine ungehalten. Ihre Gedanken waren bei dem Vertragsabschluss. Sie hätte schwören können, ganz andere Konditionen angegeben zu haben. Warum stand etwas anderes in den Unterlagen? Kein Wunder, dass der „Große F“ schier ausgerastet war. Es handelte sich um einen ihrer besten Kunden. Den durften sie keinesfalls verlieren. Lupine blätterte ihren Stapel durch. Sieben Vertragsmappen lagen da. Es fehlte eine. Lupine überlegte und fast als könnte Alexander Gedanken lesen, meinte er:
„Suchst du die Unterlagen der Nord AG? Die hat der Chef sich gestern geholt.“
„Aha. Warum sagte er mir das nicht?“, fragte Lupine.
„Kennst ihn doch. Er ist der Chef. Er kann machen, was er will.“
Lupine nickte schweigend. Sie war gespannt, wann der Chef ihr diese Unterlagen zurück geben wollte und welche Begründung er nennen würde.
Ein Blick auf die Uhr verriet Lupine, dass sie noch irgendwie zwei Stunden in dem Büro sitzen müsste, bevor sie nach Hause durfte. Sie würde keine Überstunden mehr machen. Nicht hier.
„Hast du schon Antwort auf deine Bewerbung erhalten“, fragte Alexander interessiert.
„Bewerbung?“, wiederholte Lupine fragen. Woher wusste Alexander, dass sie sich beworben hatte? Sie hatte niemanden davon erzählt.
„Hallo Lupine? Weilst du wieder unter uns?“, fragte Alexander. „Vor zwei Wochen, als ich krank war und du mich wegen des Züricher Großkonzerns angerufen hast, erzähltest du mir von deiner Bewerbung. Irgendwas war da mit dem Chef. Ach, ja, hatte er nicht gemeint, es fehle Geld?“, erinnerte Alexander und holte sich die zweite Flasche Bier aus dem Kühlschrank.
Lupine ließ sich nichts anmerken, doch innerlich rotierte sie. Es hatte Geld gefehlt, doch sie hatte niemanden davon erzählt. Auch nichts von einer Bewerbung. Warum sollte sie damit hausieren gehen? Sollte sie den Kollegen erzählen „seht her, ich bin zu dumm, meine Arbeit zu erledigen? Sollte sie den Kollegen erzählen, dass sie die Unterlagen nicht richtig durchgelesen hatte und deshalb einen Vertrag aufgesetzt hatte, der ihrem Unternehmen viel Verlust gebracht hätte? Nein, sie war sich sicher, niemanden davon erzählt zu haben.
Es klopfte an der Tür. Das Klopfen klang so mürrisch wie Valentins Stimme.
„Du hast deine Akten bei mir im Büro vergessen“, brummte Valentin, den Kopf gesenkt, damit seine dicken Brillengläser nicht gleich auffielen.
„Und wenn du wieder an meinem Computer arbeitest, dann frag mich vorher bitte. Kannst du mal mitkommen?“, fügte Valentin hinzu. Lupine nickte.
„Gib mir fünf Minuten“, meinte Lupine kleinlaut.
War das heute eine Verschwörung? Erst unterstellte ihr Doppel F, sie habe die Verträge geändert, zu Ungunsten der Firma, dann wurde ihr unterstellt, am Computer des Kollegen gearbeitet zu haben, obwohl sie den Raum nicht einmal mit der kleinen Zehe betreten hatte und nun soll sie ihm auch noch Vertragsabschlüsse oder sonstige Vereinbarungen zugeschoben haben?
„Bleib sitzen. Du siehst aus als könntest du eine Pause gebrauchen. Ich erledige das für dich und dann gehe ich nach Hause. Mir reicht es für heute auch“, meinte Alexander, stand auf, bevor Lupine etwas erwidern konnte und verschwand in Valentins Büro. So jedenfalls vermutete es Lupine.
Bevor sie sich wieder vor ihren Bildschirm setzte, holte sie ein Joghurt aus dem Kühlschrank. Der Energiesnack kurz vor Feierabend. Das Bierfach war leer, stellte Lupine fest. Hatte das alles Alexander getrunken?
Es war nicht das erste Mal, dass er sich sehr großzügig an den Sachen bediente, die nicht ihm gehörten. Lupine ärgerte sich, vor allem, als sie feststellte, dass noch weiter Joghurts, aber auch ihre Tiefkühlpizzen für das schnelle Mittagessen fehlten.
So schwungvoll als stecke die nicht ausgelebte Energie der letzten Monate darin, schlug Lupine die Kühlschranktür zu und lief schnurstracks zu Valentins Büro.
„Hat Alexander meine Akten schon geholt“, fragte Lupine, in der offenen Tür stehend.
„Hier war kein Alexander. Was wollt ihr alle mit Alexander? Ihr tut so, als wäre er ein Heiliger. Dein Schutzpatron und Helfer.“
Valentin war sichtlich angesäuert.
„Was ist mit den Finanzbuchungen, die ich angeblich an deinem PC durchgeführt habe?“, fragte Lupine.
„Was soll damit sein? Es fehlt Geld auf dem Konto unseres Mandanten“, meinte Valentin.
„Warum sollte ich Geld nehmen? Wer sagt überhaupt, dass ich das gemacht habe? Ich bin nie in deinem Zimmer und deinem Computer gewesen“, rief Lupine verärgert.
„Na dann war das wohl dein Angestellter“, meinte Valentin süffisant.
Angestellter? Lupine schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn. Wem hatte sie ihre Login Daten gegeben? Alexander.
Sie rief ihn an. Erfolglos.
Zum ersten Mal hatte es Lupine eilig, zu Doppel F zu kommen. Das Ausmaß der Veruntreuungen war sogar schlimmer als befürchtet.
Alexander hatte seit Monaten Gelder veruntreut und es so aussehen lassen als wäre es Lupine gewesen.
Doppel F reagierte richtig menschlich, musste sich Lupine eingestehen. Das Geld würde wieder auf die Konten gebucht werden. Für solche Fälle war das Unternehmen abgesichert.
Trotzdem war Lupine nervlich von diesem Zwischenfall so angeschlagen, dass sie zwei Wochen krankgeschrieben war.
Immer noch von ihrer Gutgläubigkeit und Dummheit beschämt, betrat sie ihr Büro. Valentin war in ihr Büro gezogen. Er hatte eine Zeitung auf dem Tisch, mit Alexanders Konterfei groß auf der Titelseite. Er wurde als Leiter der Bundesbank gehandelt und als geachteter kollegialer Erfolgsmensch beschrieben.
Lupine schloss für ein paar Sekunden die Augen. Dann schaute sie Valentin an und lächelte.
Valentin, Mitte 40, unscheinbar, intelligent, kollegial, etwas schüchtern. So würde Lupine ihn beschreiben. Ohne ihn wäre der immense Betrug nie aufgeflogen, Lupine wäre als Kriminelle gebrandmarkt und Alexander ließ sich weiterhin feiern.
Es war Lupine egal. Sie hatte sein wahres Gesicht gesehen. Er würde schon noch auf die Schnauze fallen. Valentin war ganz sicher der nettere Kollege.
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