Der Schlüssel wurde im Schloss gedreht. Von dem gedämpft klingenden Geräusch wachte Berta auf. Meist döste sie. Die Welt oder was sie von der Welt noch wahrnahm, war wie hinter einer dicken Nebelwand. Riechen konnte sie kaum mehr. Nur das Hören funktionierte noch am besten. Aber auch das ließ langsam nach. Berta lag im Sterben. In einem Bett, das nicht ihres war, in einem Zimmer, das nicht ihr gehörte. In einem Heim, in dem sie nie leben wollte. „Berta, mein Schätzchen, es gibt Essen. Eine leckere Suppe“, sagte die Pflegerin, während sie den Teller ins Zimmer trug und sich damit neben Bertas Bett setzte und den ersten Löffel an Bertas Mund führte. Das Öffnen kostete Berta enorme Kraft. Ein wenig Flüssigkeit lief an ihrem Kinn herunter auf den Hals. Dort klebte es. Es war ein unschönes Gefühl. Berta konnte das nicht leiden. „Wischen“, brachte Berta gerade noch raus. Es klang leise, beinahe flüsternd. Bertas Stimme fehlte die Kraft. Wenn sie Glück hatte, würde die Pflegerin ihr die Essensreste wegwischen. Wahrscheinlich hatte sie wieder Pech und um Mund und Hals herum blieb es klebrig. Kurz darauf erhob sich die Pflegerin, deckte Bertas Hände zu, verließ das Zimmer und sperrte wieder ab.
Berta hätte darüber gerne gelacht, wenn sie nicht zu schwach dazu gewesen wäre. Warum war sie den ganzen Tag in dem Zimmer eingesperrt? Sie konnte doch ohnehin nicht mehr davonrennen. Auch wenn sie es gerne getan hätte. Tageslicht schien ins Zimmer. Es war noch nicht Nacht, überlegte Berta. Es wäre auch egal. Ob Tag oder Nacht, sie musste in dem Bett liegen, was vor Schmerzen kaum mehr aushaltbar war. Ab und zu kam eine Pflegerin, um sie zu verlagern und ab und zu bekam sie auch eine neue Unterlage. Ob es eine Sinnestäuschung war oder Wirklichkeit, Berta hatte immer das Gefühl, in ihrem Urin oder flüssigem Kot zu liegen. Eine Windel hatte sie nicht, nur die wasserundurchlässige Unterlage, damit das Betttuch nicht verschmutzt werden würde. „Eine gute Suppe. Noch ein Löffelchen. Hast du heute keinen Hunger, meine Gute?“ Drei Sätze beim Essen am Morgen, Mittag und am Abend. Drei Sätze mal drei Sätze. Neun Sätze wurden mit ihr gesprochen. Ansonsten herrschte den ganzen Tag erdrückende Stille. Manchmal bekam sie Besuch. Von einer Nachbarin. Manchmal auch von ihrer Tochter. Aber sie hatte so wenig Zeit. Warum eigentlich? Berta wusste es nicht mehr. Sie vergaß so viel. Und was sie noch in Erinnerung hatte, würde sie gerne vergessen. Ja, sie hatte viel falsch gemacht. Ging es Elisabeth damals auch so? Berta musste in diesen Tagen oft an ihre Schwiegermutter denken. Vor vierzig Jahren, als Elisabeth bei ihnen eingezogen war, um ihre letzten Lebensjahre in der Familie verbringen zu dürfen. Sie wollte ihre Schwiegermutter nicht, hatte so lange Lügen erzählt, bis Heinrich, Elisabeths Sohn, seine Mutter in ein Heim steckte. Dort lag die alte Frau noch ein paar Jahre. Allein. Einsam. Traurig. Obwohl sie sich um ihren Sohn gekümmert hatte, mit dem sie während des Krieges hatte flüchten müssen. Berta lächelte. Ihr Heinrich hatte ihr jeden Wunsch erfüllt, obwohl er schon ein schlechtes Gewissen gehabt hatte, sie in ein Heim zu geben. War sie auch den ganzen Tag eingesperrt gewesen? Hätte sie sich auch über Besuch gefreut? Vier Mal im Jahr hatten sie die Oma ja besucht. Alexandra war damals sehr sauer gewesen, weil Oma ins Heim musste. „Alles nur wegen dir. Aber egal. Man bekommt alles im Leben zurück“, hatte Alexandra wütend geschrien. An den Wutausbruch und die folgenden Wochen, als Alexandra kein Wort mehr mit ihr gesprochen hatte, konnte sich Berta noch gut erinnern. Alexandras Worte waren Berta immer in Erinnerung geblieben, sie hatte aber nie daran gedacht, dass sie ihre Mutter ins Heim geben würde. Sie hat, dachte Berta, während sie versuchte, die Augen offen zu halten. Wie viele Stunden waren seit dem Mittagessen schon vergangen? Müsste sich nicht langsam wieder der Schlüssel im Schloss drehen? Würde Alexandra heute zu Besuch kommen? Unbeholfen versuchte Berta, sich die Träne aus dem Gesicht zu wischen. Fast wäre es ihr nicht mehr gelungen. Jede Stunde wurde sie schwächer. Berta wusste nicht, was schlimmer war. Der Sterbevorgang oder dass sie in diesen Stunden allein sein musste. Wie gerne hätte sie nun eine Hand gehalten. Niemand hielt ihre Hand. Wenn es nur schon vorbei wäre, dachte Berta und sackte wieder in einen tiefen Schlaf. Die Einsamkeit und das Eingesperrt sein war unerträglich. Ihr einziger kleiner Trost war, dass es zur Zeit der Pandemie vielen alten Menschen so erging. Sie hatte das selbst verschuldet, konnte aber die Zeit nicht mehr zurückdrehen.
Dieter spürte sein Bein nicht mehr. Mehrmals versuchte er aufzustehen, aber er konnte sich keinen Millimeter bewegen. Er musste doch aufstehen. Es war schon ganz hell im Zimmer. Noch nie in seinem Leben hatte er so lange im Bett gelegen. Er war der Frühaufsteher gewesen. Wenn Monika aufstand, war er bereits im Garten gewesen, hatte Unkraut gezupft, das Gemüse und die Blumen gewässert und den Frühstückstisch gedeckt. Nun lag er immer noch im Bett. Er musste doch seiner Monika das Frühstück bereiten, ging Dieter durch den Kopf. Er schaute sich in dem Zimmer um. Irgendwie kam es ihm fremd vor, obwohl seine Monika im Bett neben ihm lag. Er versuchte sich zu orientieren. Es war nicht ihr Schlafzimmer. Es waren fremde Betten, ein fremder Tisch und es war nicht der Blick aus dem Fenster. Wenn er aus dem Fenster schaute, sah er eine Blumenwiese und viele Apfelbäume, die nun in der Blüte standen. Wenn er hier aus dem Fenster schaute, sah er viele Fenster in einem Gebäude einem Hochhaus ähnlich. In manchen Fenstern brannte Licht, obwohl es draußen hell genug war, dachte Dieter, verärgert über diese Verschwendung. Er zog seine Bettdecke zurück und drehte seine Beine, um aufzustehen. Es gelang ihm wieder nicht. Seine Hand blieb an einem dünnen Schlauch hängen. Er bekam Sauerstoff, fiel Dieter wieder ein. Er war im Krankenhaus. Diese Erkenntnis drang durch den Schleier in seinem Kopf hindurch. Aber seine Monika war auch hier. Im Bett neben ihm. Wie konnte das sein? Der Pfleger kam, wünschte einen guten Morgen. Freundlich, nicht überschwänglich. Fast als gäbe es keinen Anlass zur Freude. Monika wachte auf. „Herr Klein, hier ist ihr Frühstück“, sagte der Pfleger, zeigte Dieter den Pudding und fütterte ihn. Vorher hatte er Monika das Frühstück auf den Tisch gestellt. Bevor Monika das Brötchen aufschnitt, tätschelte sie die Hand ihres Mannes. Dieter schaute kurz auf. „Morgen mache ich dir wieder das Frühstück“, sagte Dieter. Monika nickte. „Morgen. Und wenn nicht morgen, dann übermorgen“, sagte Monika. Dieter wusste nicht, dass er nur noch wenige Stunden leben würde, dachte Monika. Sie hatten über das Thema nie gesprochen. Sie wusste nicht, ob er Angst hatte und ob er zu Hause sterben wollte. Diese Frage brauchten sie nicht mehr beantworten. Dieter war als Notfall ins Krankenhaus eingeliefert worden und als die Ärzte sagten, dass seine Organe versagen und er nur noch wenige Tage leben würde, da hatte Monika den Hausarzt gerufen und Symptome geschildert, die eine Abklärung im Krankenhaus erforderten. In derselben Abteilung, wo Dieter untergebracht war. Die Ärzte wussten um Dieters Zustand und schoben kurzerhand Monika zu Dieter ins Zimmer und deren Betten zusammen. Immer wenn Dieter aufwachte, sah er seine Monika. Sie hatten nie viel miteinander geredet. Doch jetzt redete Monika, erzählte ihm, was ihr alles leid tat. Dann schlief er wieder ein, während sie seine Hand hielt. Sie musste ebenfalls eingenickt sein, fuhr erschrocken hoch, als die Tür geöffnet wurde und ihre drei Kinder samt Enkel zu Besuch kamen. Die Ärzte hatten sie über den Zustand ihres Vaters informiert. Hans öffnete auch die Augen, wollte wieder aufstehen. Wie sehr er sich über seine Kinder freute, konnte er nicht mehr zum Ausdruck bringen. Seine Augen drehten immer wieder weg. Reden konnte er kaum mehr. Nur noch einzelne Wörter. Bis er das nächste Wort sprechen konnte, wusste er nicht mehr, was er sagen wollte. Dieter hatte sich aufgesetzt, als seine Enkel ans Bett kamen. Nun ließ er sich wieder ins Kissen fallen und schlief ein. Ein paar Stunden, nachdem seine Familie gegangen war, hörte Dieter zu atmen auf. Er sah aus als würde er schlafen.
Ilse kannte das klackende Geräusch. So hörte es sich an, wenn Julian auf seinem Auto saß und durch die Wohnung sauste. Jetzt war er gerade an der Ecke angekommen, weil das Klackern aussetzte und dann nahm er mit den Füßen wieder Schwung, um die gerade Strecke durchfahren zu können. Sie sah sein glückliches Gesichtchen, obwohl sie die Augen geschlossen hatte. Das vertraute Ticken der Uhr hörte Ilse ebenfalls. Ihr Mann Wolfgang hatte anfangs über das nervige Ticken geschimpft, doch Ilse fand die Gleichmäßigkeit beruhigend. Eine Sekunde nach der anderen. Es spiegelte Beständigkeit wider. Die Zeit verging und solange sie das Ticken noch hörte, war sie noch am Leben. Nicht mehr lange, das wusste Ilse. Sie lag im Sterben. Freude am Leben hatte sie schon vor Wochen nicht mehr gehabt. Alles, was ihr im Leben so wichtig war und Freude bereitet hatte, war ihr gleichgültig geworden. Fußball WM? Es war doch nur ein Ball, der hin und her geschossen wurde. Die Nachrichten? Die hatten sich in den 85 Jahren nicht geändert. Irgendwo war immer Krieg. Mindestens ein Politiker war immer korrupt, ein anderer hatte Vetternwirtschaft betrieben. Neue Errungenschaften zeigten sich als Rohrkrepierer, die Spielfilme wurden im Inhalt immer flacher, Wolfgang war nicht mehr da und von den Freundinnen verstarb eine nach der anderen. Ein paar Löffel Suppe hatte Ilse gegessen. Sie hatte keinen Hunger mehr. Ihre beiden Kinder Nicola und Frank versuchten sie wie ein kleines Kind zum Essen zu überreden. Mal mit Löffel ist ein Flugzeug, dann lasen sie den Suppenkasper vor und schließlich meinten sie ernsthaft besorgt, dass sei nur noch Haut und Knochen sei.
„So ist das, wenn man alt ist und stirbt“, antwortete Ilse dann. Das wollten ihre Kinder nicht hören. Sie setzten sich zu ihr ans Bett, nahmen ihre Hand und brachten viele Vorschläge, wie sich ihr Zustand wieder ändern könnte. Sie wollten das Bevorstehende nicht akzeptieren, wusste Ilse.
So war es ihr auch ergangen und das war noch gar nicht so lange her. 20 Jahre? 25 Jahre? Ilse nickte. Um ihren 60. Geburtstag herum war sie unruhig, fast panisch geworden und hatte dann einen Deal mit dem lieben Gott geschlossen. Sie würde arbeiten bis an ihr Lebensende, wenn sie im Gegenzug nicht sterben müsste. Dass diese Abmachung blanker Unsinn gewesen war, wusste sie. Aber sie war wieder ruhiger geworden. Und sie hatte ihr Wort gehalten. Während ihre Tochter und Schwiegertochter in die Arbeit gingen, hatte sie Mittagessen für die Enkel gekocht und war zu Hause, wenn sie von der Schule kamen. Sie hatte gewaschen und gebügelt, damit die beiden Frauen am Nachmittag Zeit für ihre Kinder hatten. Am Wochenende hatte sei gebacken, den Garten bestellt und so war ein Tag nach dem anderen vergangen. Sie war 70 geworden und selbst mit 80 und 82 hatte Ilse gearbeitet, zumindest ihren Haushalt noch selbstständig geführt. Der Vorteil war, dass sie eine Wohnung im Haus der Tochter hatte und ihr Sohn mit Schwiegertochter nur wenige Häuser weiter entfernt lebte. Familie war für Ilse nie eine Belastung. Familie war Ilses Leben. Sie hatte sich nicht eingeschränkt gefühlt, sie war glücklich, sich um ihre Familie kümmern zu dürfen. Egal, ob es ihre eigenen Kinder oder deren Partner waren – Ilse war für jeden da. Wann sich dieser Verdruss, diese Lebensmüdigkeit eingeschlichen hatte, konnte Ilse nicht mehr sagen. Wenn sie nun ihren täglichen Spaziergang unternahm, blieb die Freude an der Natur aus. Traf sie Bekannte aus dem Ort, blieb sie nicht mehr zu einem Plausch stehen. Wenn sie gefragt wurde, wie es ihr gehe, meinte sie nur: „Unser Herrgott hat mich vergessen. Wenn ich nur endlich sterben dürfte.“ Das hatten sie nicht verstanden. Nun war es wohl bald so weit. Ilse döste wieder ein. Ein paar Stunden war sie durch das Kinderlachen erwacht. Irgendetwas amüsierte ihren kleinen Enkel. Zwischendurch spürte sie die Hand ihrer großen Enkelin. Sie hatte schon bald die Schule abgeschlossen, erinnerte sich Ilse noch, bevor sie wieder in einen tiefen Schlaf fiel. Die Pflegekraft kam zum Waschen, die Ärztin kontrollierte ihre Atmung. Immer wieder kam jemand aus der Familie ans Bett, redete oder streichelte einfach nur ihren spindeldürren Arm. Ilse lächelte glücklich. Ihre Liebsten waren bei ihr. Sie lachten, sie ärgerten sich, sie stritten und sie vertrugen sich wieder. Mit diesem Lächeln im Gesicht schlief Ilse ein. Als die Ärztin wieder kam, konnte sie keine Atmung mehr feststellen.

Foto und Text Copyright: Frankengedanken
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