Gefangen in ihrer Entscheidung

Foto KI erstellt

Dreizehn Zentimeter sind die Babyschühchen klein und wahrscheinlich doch zu groß, dachte Michelle, die mit einer Hand sanft über die kleinen Baumwollsöckchen streichelte, mit der anderen über ihren Babybauch. Sie spürte ihre Bewegungen. Ein Mädchen würde es werden, wenn sie auf die Welt kommen dürfte. Doch das wollten die Auftraggeber nicht mehr. Soviel hatte Michelle verstanden, als sie die beiden Männer der Firma gestern vor ihr standen und von Abtreibung redeten.

Michelle hatte das Zimmer so abgedunkelt, wie sie sich innerlich fühlte. Wie in einer totalen Finsternis. Gefangen in einem Hotelzimmer, aus dem es kein Entkommen gab, weil ihr die „Anzüge“, so nannte Michelle die glatt rasierten Geschäftsmänner, gleich nach Vertragsabschluss ihren Pass und das Handy eingezogen hatten.

Nicht einmal einen Fernseher hatte sie im Zimmer. Die einzige Ablenkung waren veraltete Zeitschriften, die sie ohnehin nicht richtig lesen konnte. Genauso wenig wie den Vertrag, den sie damals unterschrieben hatte, als sie auf die bunten Versprechungen der „Anzüge“ hereingefallen war. Sie war nicht nur in ihrem Hotelzimmer eine Gefangene, sondern in ihrer Entscheidung gefangen. Der Entscheidung, für ein reiches Paar, ein Kind auszutragen.

Es war zunächst das Geld im sechsstelligen Bereich, das Michelle lockte. Sie hatte es satt, Hilfsarbeiten auszuführen, weil sie keinen Schulabschluss hatte. Diesen hatte sie nicht erreicht, weil ihr Lesekompetenz fehlte. Niemand hatte ihr Lesen beigebracht. Die Eltern konnten es selbst nicht richtig. Die Lehrerin hatte zu viele Schüler mit Migrationshintergrund, um die sie sich kümmern musste und da Michelle mündlich sehr gut mitarbeitete, wurde wohl mehr als ein Auge zugedrückt, um Michelles Zukunft nicht zu verbauen.

Michelle lachte schadenfroh auf. Doch der Spott bezog sich auf sie selbst. Heute, in diesem anonymen Hotelzimmer wusste sie, dass gerade deshalb ihre Zukunft verbaut worden war.

Michelle zuckte zusammen. Das metallische Klicken kannte Michelle bereits. Meist kündigte es die „Anzüge“ an. Kamen sie schon wieder, damit sie endlich die Unterschrift leistete? Sie kamen immer ohne Vorankündigung. Nur das laute Metallgeräusch wie wenn in einem Gefängnis der Schlüssel umgedreht wurde, verriet die Herren. Es war ihnen völlig egal, ob Michelle noch schlief, ob sie gerade duschte oder aß. So isoliert sie seit Monaten auch leben musste, so wenig Intimität wurde ihr zugestanden.

Eine falsche Regung genügte, um den Unmut der „Anzüge“ zu erregen. Nur einmal hatte Michelle es gewagt, zu widersprechen. Die Antwort folgte sofort in Form eines kräftigen Schlages. Blitzschnell und doch so platziert, dass weder Michelles Gesicht, noch das Baby in ihrem Bauch gefährdet wurden. Mit dem Vertrag hatte Michelle ihre Menschlichkeit ablegen müssen. Sie hatte zu funktionieren  wie eine Marionette und das Baby war die Ware.

Das Baby trat wieder gegen ihren Bauch. Michelle verzog den Mund zu einem Lächeln, das nicht gelingen wollte. Stattdessen fing die junge Frau an zu weinen, die kleinen Babyschühchen jetzt fest in der Hand umklammert, als könnte sie das Kind in ihrem Bauch und sich selbst auf diese Art beschützen. Schreien konnte Michelle längst nicht mehr. Aus der ersten Auflehnung gegen die Gefangenschaft folgte Angst und inzwischen Resignation.

Mit dem Handrücken wischte sich Michelle die Tränen aus den Augen. Das durfte nie mehr passieren. Die Herren sahen das und wären wieder ungehalten. Manchmal schaltete Michelle das grelle Deckenlicht an, um ihre düsteren Gedanken und Fantasien zu aufzuhellen und zu vertreiben. Was würde passieren, wenn sie sich weigerte, ein gesundes Baby nur wenige Wochen vor der Geburt töten zu lassen? Was würde ihr passieren? Würde sie dann auf geheimnisvolle Art verschwinden? Würden sie sie betäuben wie damals, als sie aus dem Flugzeug stieg, um ihre Nobelresidenz zu beziehen?

Das waren alles Lügen und Täuschungen. So wie sie selbst ihre Umwelt ihr Leben lang getäuscht hatte, als sie vorgab lesen und schreiben zu können. Sie kannte Buchstaben, sie konnte einige Wörter lesen und wenn sie gut drauf war, auch ein oder zwei Sätze. Ihre Eltern waren stolz auf sie gewesen, nicht ahnend, dass Michelle sie die ganze Zeit belogen hatte. Nun bekam sie all das zurück.

In dem Moment, als sie beschlossen hatte, ehrlich zu sein. In dem Moment, als sie ihr Leben zum Positiven ändern wollte. Viel Geld verdienen, damit sie die Schule nachholen konnte und ihren Eltern eine bessere Unterkunft mieten zu können. In dem Moment der aufrichtigen Ehrlichkeit, war sie auf Lügen hereingefallen. Auf den schönen Schein, der meist das Lockmittel des Unheils war. Gleich nachdem Michelle das Flugzeug verlassen hatte, wurde sie betäubt und war in diesem spärlich eingerichteten Hotelzimmer aufgewacht.

Niemand wusste, wo sie war. Sie wusste es ja selbst nicht. Sie vermutete, dass sie ins Ausland gebracht wurde. Nach Amerika, war ihr erzählt worden. Was auf der Tafel stand, konnte sie nicht lesen. Ebenso wenig, was in dem Vertrag wirklich stand. Sie wusste nicht, was sie unterschrieben hatte. Der feine Herr hatte ihr alles in den schillerndsten Farben geschildert. Hatte mit dem Kugelschreiber immer wieder auf eine Textpassage gezeigt und diese vorgelesen. Es klang vernünftig und schlüssig. Doch was wirklich schwarz gedruckt auf dem blütenweißen Papier stand, wusste Michelle nicht.

Heute erkannte sie, dass der feine Mann Märchen erzählt hatte. Selbst die genannte Geldsumme war Lug und Trug. Einen geringen Teil sollte sie erhalten,  wenn alles gut ging, so die Aussage der Frau, die ebenfalls ohne Klopfen und ohne Vorwarnung ins Zimmer kam, um Essen zu bringen. Sie war gut gekleidet, meist in warmen Farbtönen, die ihren eiskalten Blick Lügen strafte. Was ein guter Ausgang war, blieb ihr Geheimnis.

Michelle grübelte weiter. Wer würde nach ihr suchen? Wer würde eine Vermisstenanzeige stellen und wer diese Meldung lesen können? Ihre Eltern nicht. „Und ich auch nicht“, flüsterte Michelle dem Baby zu. „Niemand sucht uns, niemand findet uns. Wir können auch nicht um Hilfe rufen. Sie haben uns das Handy und den Ausweis genommen“, flüsterte Michelle. „Wir wissen nicht wo wir sind. Die Fenster lassen sich nicht öffnen. Wenn die „Anzüge“ kommen, sind wir beide verloren“, flüsterte Michelle dem Baby liebevoll zu.

Sie hatte sich seit ihrer Jugend gewünscht, eines Tages Mutter einer Tochter zu sein. Doch wer würde eine Analphabetin heiraten? Mit dem neuen Leben sollte sich das alles ändern. Sie hätte mit ihr gespielt, hätte ihr viele spannende Geschichten vorgelesen. Geschichten, die Michelle selbst noch nie gehört hatte. Sie hätte ihrer Tochter bei den Hausaufgaben geholfen, hätte Diktate diktiert und mit ihr gelernt, um zugleich für sich zu lernen.

„Ich würde dich auch ohne Schule als meine Tochter annehmen. Ein kleines bisschen bist du das doch auch? Auch wenn ich nur die Gebärmaschine bin. Ich würde dich Charlotta oder einfach Lotta nennen“, flüsterte Michelle, um sich kurz darauf zu verbessern: „Ich nenne dich Charlotta und manchmal Lotta.“ Immer noch drückte Michelle die Babyschühchen in der Hand. „Meine Lotta“, sagte Michelle nun lauter, als kehrte ihre Lebenskraft zurück.

Die feine Frau, die heute ganz in Orange- und Rottönen gekleidet war, hatte beim Frühstück schon angedeutet, dass Michelles Unterschrift nur noch pro forma sei. Wenn sie wieder käme, würden sie in die Klinik fahren. Für den Abbruch sei alles vorbereitet.

„Das lasse ich nicht zu“, meinte Michelle zu ihrem Bauch. „Ich werde uns retten. Wir werden beide leben. Das ist die bessere Option. Die andere wäre, dass du tot bist und ich weiter hier Kinder bekomme oder dass wir beide sterben. Sobald wir ins Auto gebracht werden, fliehen wir“, sagte Michelle zu ihrem Baby. Diese Aussicht brachte wieder Farbe in Michelles Gesicht. Auch ein echtes Lächeln huschte über ihr Gesicht. Als ausnahmsweise „endlich“ das metallische Klicken ertönte, spürte Michelle mit der Aufregung die Kraft in ihren Körper zurückkehren.

Beinahe wortlos gingen die Männer auf Michelle zu. Sogar die Frau mit dem kalten Blick war dabei, registrierte Michelle besorgt.

„Es ist nur eine Abtreibung“, sagte die Frau mit erstaunlich viel Wärme in der Stimme für die unmenschliche Operation, die Michelle nun erleben würde.

„Sie schaffen das. Sie sind nicht allein. Leider können wir das nicht ändern, es sind die Auftraggeber, die uns zu dieser Handlung zwingen“, sagte der feine Mann mit den dunkleren Haaren.

Er klang fast menschlich und mitfühlend,  fand Michelle, sich zugleich mahnend, nicht wieder auf dieses Geschäftsgebaren hereinzufallen. Alles war gelogen, wiederholte Michelle in Gedanken, während sie aufstand, um so schnell wie möglich loszurennen, sobald sie an der Tür waren. Die Frau mit dem kalten Blick kam zu Michelle, um sie zu stützen. Sie legte einen Arm um die junge Frau, gerade in der Sekunde, als Michelle lossprinten wollte.

Dann wurde es dunkel.

„Du bist verhaftet. Wegen Diebstahls“, rief Benjamin seinem Kumpel zu. Die beiden Neunjährigen spielten Polizei. Ben mimte den Polizisten, sein Freund Henry war der Agent, der geschnappt wurde. Als Beweis hatte Ben einen zerschnittenen Ausweis in der Hand. Henry wehrte ab, denn er wollte nicht gefangen sein.

„Zeig her“, forderte Henry bestimmt, nahm den Ausweis und rief: „Da steht Michelle Martin. Ich bin keine Frau, ich bin ein Mann!“, sagte er lachend, da er der Gefangenenrolle entkam.

 Henrys Mutter war inzwischen ebenfalls am Spielplatz angekommen und schaute den zerstörten Personalausweis an und runzelte die Stirn.

„Michelle Martin. Welch Name. Der Ausweis ist bestimmt gefälscht. Typisch. Illegale Migranten“, meinte sie verächtlich und warf den Ausweis zurück in den Papierkorb.

Währenddessen warteten in Hamburg Dietmar und Annegret Martin immer noch auf ein Lebenszeichen ihrer Tochter Michelle. Ob sie sich so schämte, dass sie nicht lesen konnten, fragte sich Dietmar öfter, wenn er nicht schlafen konnte oder aus dem Fenster starrte, denn nicht mal per Handy war Michelle erreichbar.

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 Text: Frankengedanken  Foto: KI

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